Zwischen Liebe und Abgrenzung: Verzweifelte Mutter sucht Rat
Ausgabe: 2001/20, Hotel Mama, Aggressivität, Jugendliche, Loslösung, Eltern, Mutter, Familiensituation,
15.05.2001
- Maria Haunschmidt
Der Sohn fordert nur, ist nicht bereit einen Finger zu rühren, ja er wird zunehmend aggressiver ...
Alle Versuche um Harmonie scheiterten. Mit dieser dramatischen Familiensituation wandte sich eine verzweifelte Mutter an die Kirchenzeitung um Rat. Die verwitwete Mutter bezieht nur eine kleine Witwenpension und kommt finanziell kaum durch. Der 19-jährige Sohn Simon ist derzeit beim Bundesheer, verwendet sein Geld nur für sich (Fortgehen etc.).
Er hat noch Prüfungen für die Studienberechtigung offen, weil er studieren möchte. Simon lernt aber nichts, schläft sich aus, spielt mit dem Computer, sieht sich auch um keine Arbeit um. Er ist – so die Mutter – „angefressen“, dass sie ihm die Fahrschule nicht finanziert. Simon tut zu Hause keinen Griff, auch nicht, wenn die Mutter krank ist. Er hat auch schon mit Tellern und brennenden Streichhölzern in der Wohnung herumgeworfen.
Er will in keine Beratung, er habe keine Probleme, nur die Mutter. Wenn sie nicht mit ihm leben will, hätte sie sich keine Kinder „anschaffen“ sollen. Wir befragten dazu Schüler/innen eines Gymnasiums (BORG Perg) sowie eine Lebensberaterin. Bemerkenswert ist, dass die Jugendlichen mit dem jungen Mann relativ hart ins Gericht gehen. Die fachliche Meinung (s. Kasten rechts) deckt sich weitgehend mit den im Religionsunterricht niedergeschriebenen Ansichten der 15- bis 18-Jährigen.
Jugendliche meinen:
– Simon ist volljährig und soll akzeptieren, dass er Verantwortung übernehmen muss. Er ist sehr egoistisch. – Die Mutter soll allein zur Beratung gehen und Hilfe suchen. – Die Mutter soll mit ihm reden, welches Problem er hat. Er sollte im Haushalt helfen und sich eine Arbeit suchen. Wenn er das nicht tut und weiterhin nicht hilft, würde ich ihn rauswerfen. – Der Junge braucht eine Person, die ihm zeigt, „wo der Hase läuft“. Es muss eine Person sein, die er respektiert und anerkennt. – Die Mutter trägt eine gewisse Schuld, da sie bei der Erziehung einiges falsch gemacht haben muss. Sie müsste jetzt konsequent sein und ihm ein Ultimatum stellen. Sonst geht das immer so weiter. – Ich finde, die Mutter regt sich ein bisschen zu sehr auf. Es ist sein Leben. Wegen der Mithilfe würde ich durchgreifen. Da hat sie ihn sicher von Anfang an zu sehr verwöhnt.
Rat einer Expertin
Schwierige Loslösung
Wie ich die Situation verstehe, wird sich der Sohn wenig bis gar nichts von seiner Mutter sagen lassen, weil die Mutter auch bisher alles für ihn getan hat. Er wird es nicht einsehen, wenn sie ihr Verhalten plötzlich ändert. Die Mutter muss sich selbst klar werden, ob sie ihn weiterhin „aushalten“ möchte und wie sie ihn (finanziell) unterstützen kann und will. Die Frage ist, ob sie ihren Sohn wirklich ziehen lassen möchte. Mutet sie ihm zu, auf eigenen Beinen zu stehen? Möglicherweise ist ihre Angst größer, dass er ohne sie verkommt. Dann bleibt die Situation aber, wie sie ist. Seine Bereitschaft sich zu lösen zeigt er in der Kritik und in der Rebellion, jedoch (noch) nicht in der Übernahme eigener Verantwortung (finanzielle Beteiligung, für die Prüfung lernen, Arbeit suchen ... ). Es kann sein, dass die Mutter einen „Kraftakt“ setzen muss, sodass der Sohn gezwungen wird, sich auf eigene Beine zu stellen. Man kann im Vorhinein nicht sagen, wie die Geschichte ausgehen wird. Angesichts der verfahrenen Situation ist aber Handeln angesagt. Anstatt den Blick nur auf den Sohn zu richten, soll die Mutter auch mehr auf ihre eigenen Lebens-inhalte schauen. Das würde beiden gut tun.
Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberaterin Karin Remsing