Die Ver-rückt-heit des „Besessenen von Gerasa“ (Mk 5, 1–20): Ein Leben, dessen Wirklichkeits-erfahrung weggerückt wurde von der Wahrnehmung anderer; nehmen die „anderen“ die Wirklichkeit gleichförmig wahr? Wohl kaum!
Sicher kennen Sie das Bild von dem halb vollen und dem halb leeren Glas: Obwohl der Inhalt in beiden Aussagen gleich ist, können sie unterschiedliche psychische Zustände erzeugen, einmal die Freude über das Vorhandene, das andere Mal eine Erfahrung des Mangels. Ähnlich können wir uns die Erfahrungswelten psychisch kranker Menschen vorstellen, nur dass diese so weit von der gesellschaftlichen Konvention entfernt sind, dass die Kluft dazwischen kaum mehr überbrückbar ist. Entsprechend betrachten sich psychiatrische PatientInnen selbst häufig gar nicht als „krank“. Auch die Wahrnehmung der Kluft ist eben anders als bei den „Normalen“ oder fehlt völlig.Dies ist einer von mehreren wesentlichen Unterschieden zwischen psychischer Erkrankung und vielen anderen Krankheiten, der auch den Alltag einer psychiatrischen Klinik prägt. So hat Psychiatrie immer noch mit „Zwang“ zu tun, auch wenn in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte hin zu einer menschenwürdigen Psychiatrie gelungen sind.
Ich bin Seelsorger in psychiatrischen Abteilungen der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg. Die meisten PatientInnen, mit denen ich arbeite, haben in ihrem Leben schwere Verletzungen durch andere Menschen erlitten; dies ist aber nicht automatisch mit Schuld gleichzusetzen. Ich spreche lieber von „schicksalsmäßigen Verstrickungen“. Auch der Mangel an Information im gesellschaftlichen Umfeld spielt dabei eine große Rolle.
Psychisch kranke Menschen brauchen unsere Unterstützung. Wo es an sozialen Einrichtungen mangelt, also besonders in ländlichen Gegenden, sind Pfarrgemeinden wichtige, oft auch einzige Anlaufstellen. Eine gelungene Beheimatung in den Pfarren, davon bin ich überzeugt, kann entscheidend dazu beitragen, die Häufigkeit von Klinik-Aufenthalten abzusenken bzw. den Kranken ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.
Mag. Alexander Huck, Theologe und Psychotherapeut, seelsorgliche Arbeit in Psychiatrischen Klinken seit 1990.