Vatikan: Die engsten Berater trafen sich hinter verschlossenen Türen
Ausgabe: 2001/22, Vatikan, Papst, Kardinal, Kirche, Kosistorium, Heiliges Jahr,
29.05.2001
- Walter Achleitner
Die Kirche im 3. Jahrtausend – darüber haben 155 Kardinäle vergangene Woche mit dem Papst beraten.
Die Nachrichten über die viertägige Vollversammlung sind nur spärlich durchgesickert. 155 Kardinäle hatten sich vergangene Woche hinter verschlossenen Türen über den künftigen Kurs der Kirche beraten. So hieß es etwa, Jorge M. Mejía (78) habe für Verwirrung wie Erheiterung gesorgt. Denn der oberste Bibliothekar begann seinen Beitrag auf Lateinisch – zum Erstaunen seiner Kardinalskollegen und zum Entsetzen der Synchron-Übersetzer. Dabei wollte der Argentinier nur zeigen, dass eigentlich Latein die Kirchensprache sei, ehe er dann doch ins Italienische wechselte.
Zwar dürften sich rund zwei von drei Kardinälen in der Aula zu Wort gemeldet haben. Vom vatikanischen Presseamt veröffentlicht wurden jedoch nur einige wenige Redebeiträge. Über die Ausführungen anderer Kirchenmänner berichtete Vatikan-Sprecher Navarro-Valls anhand seiner handschriftlichen Stichworte. Demzufolge war es ein breites Spektrum, das die Kardinäle in ihrer mehrminütigen Redezeit aufgegriffen haben: Ökumene, interreligiöser Dialog insbesondere mit Judentum und Islam, Stellung und Schutz der Familie, Bildung.
Kollegialität
Auch die Themen Kollegialität und kirchliche Strukturen sollen in den mündlichen Beiträgen angeklungen sein. In der schriftlichen Schlusserklärung fehlt darauf jeglicher Hinweis. Stattdessen fordern die engsten Berater des Papstes mehr Solidarität mit den Armen in der Welt und rufen zum Frieden im Heiligen Land auf.
Einig waren sich die Kardinäle mit dem Papst über den Erfolg des Heiligen Jahres; es habe eine junge und dynamische Kirche gezeigt. Nach Ansicht etlicher Purpurträger könnten jedoch die Bischofssynoden noch effizienter gestaltet werden. Und Godfried Danneels plädierte für eine „synodale Kultur“ – unter Leitung des Papstes und mit Raum für alle, in Einheit und Mitverantwortung. Der Belgier plädierte dafür, in der katholischen Kirche mehr zu dezentralisieren. Weiters müsse es ernsthaftere Beratungen mit den Bischöfen über Fragen der Theologie, des Kirchenverständnisses und der Moral geben.
Der Papst kündigte zum Abschluss an, er wolle selbst aus dem „wertvollen Beitrag“ der Kardinäle geeignete operative Hinweise und Maßnahmen ableiten, damit die ganze Kirche neuen missionarischen Elan erhalte. Insgesamt hat das Konsistorium das Kennenlernen unter den Kardinälen gefördert, die einmal den nächsten Papst wählen werden. 44 der 183 Mitglieder sind ja erst im Februar dieses Jahres in den Kreis aufgenommen worden.
Lexikon:
Außerordentliches Konsistorium
Im Unterschied zum ordentlichen Konsistorium, an dem nur Purpurträger teilnehmen, die sich in Rom aufhalten, waren zur Vollversammlung alle derzeit 183 Kardinäle unabhängig von ihrem Alter eingeladen. Der Papst berät mit den Kardinälen dabei schwerwiegende Probleme von weltweiter Geltung. 1994, bei der fünften Vollversammlung unter Johannes Paul II., beriet der Papst mit den Kardinälen seine Pläne zum Heiligen Jahr 2000.
Im Wortlaut:
– Die Kollegialität müsse in der Kirche gestärkt werden. Dies sagte Aloisio Lorscheider vor dem Kardinalstreffen gegenüber der katholischen Tageszeitung „La Croix“. Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewünschte Kollegialität sei „bei weitem noch nicht Wirklichkeit“. Er dränge darauf, dass die Bischöfe mehr als in der Vergangenheit gehört werden. „Wir leiden alle unter einer entfernten und mehr und mehr tauben Bürokratie“, so Lorscheider, der von 1972 bis 1979 Vorsitzender der Brasilianischen Bischofskonferenz war.
– Arme Kirche. Nicht nur „für die Armen“ da zu sein, sondern auch selbst eine „ganz und gar arme Kirche“ zu werden. Dies sei die „provozierendste und dringlichste Frage im neuen Jahrtausend“, meinte der französische Kurienkardinal Roger Etchegaray in seiner Bilanz zum Heiligen Jahr 2000. Dabei gehe es nicht um einen ethischen Appell, sondern um den Kern des Christentums. Denn nur eine arme Kirche könne missionarisch sein und nur eine missionarische Kirche könne die Forderung nach einer armen Kirche durchsetzen.
– Ortskirche. Der Vatikan soll den Ortskirchen bei der Ernennung von Bischöfen mehr Gewicht geben. Dieser Vorschlag ist nach Angaben des Münchner Kardinals Friedrich Wetter während des Konsistoriums unterbreitet worden. Die Wortmeldungen hätten „ein Klima von Zuversicht und Hoffnung“ und nicht von Angst verbreitet, betonte Wetter im Radio Vatikan.
– Wagnis. „Es besteht kein Grund, die Medien nicht über die großen Versammlungen berichten zu lassen, beidenen die Zukunft der Kirche debattiert wird“, sagte der Erzbischof von Brüssel, Kardinal Godfried Danneels, über das Konsistorium. Die Kirche müsse „das Wagnis der Transparenz“ eingehen.