Ausgabe: 2001/22, Embryonen, Forschung, Stammzellen, Tag des Lebens, Geburt,
29.05.2001
- Hans Baumgartner
Am 1. Juni ist der „Tag des Lebens“. Kurz davor ist auch in Österreich die Diskussion um den Schutz des Menschen in seiner frühesten Lebensphase neu entfacht.
Vor wenigen Tagen haben die ersten Krankenhäuser in Österreich mitgeteilt, dass sie – trotz einiger noch ungelöster Fragen – die Möglichkeit der anonymen Geburt anbieten. Vorreiter ist das St. Josephs-Spital der Salvatorianerinnen in Wien. „Das ist ein wichtiger Schritt, um Kindesweglegungen oder gar der Tötung Neugeborener vorzubeugen und Frauen in äußersten Notlagen eine medizinisch betreute Geburt zu ermöglichen“, betont Getraude Steindl, Generalsekretärin der „Aktion Leben“.
Forschungsmaterial
Dieser Fortschritt im Sinne des Lebensschutzes wird aber durch die nun auch in Österreich aufgebrochene Diskussion um die Forschung an Embryonen überschattet. Nachdem die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihre bisherige Haltung, auf die Forschung mit embryonalen Stammzellen zu verzichten, gekippt hat und vom Staat die Zulassung dieser Forschung einforderte, erreichte die bioethische, wirtschafts- und forschungspolitische (Standortfrage!) Debatte in unserem Nachbarland vergangene Woche einen Höhepunkt. Dabei stießen sogar innerhalb der SP-Regierungsriege die Meinungen hart aufeinander.
In Österreich sorgte der von Bundeskanzler Schüssel zum Vorsitzenden der geplanten Ethik-Kommission auserkorene Gynäkologe und Theologe Johannes Huber für das Aufbrechen einer kontroversen Debatte. Er meinte, es sei unethisch, im Reagenzglas erzeugte, tiefgefrorene Embryonen, die einer Mutter nicht mehr eingepflanzt werden können, wegzuwerfen anstatt sie für die medizinische Forschung zu verwenden. Laut österreichischem Fortpflanzungsmedizingesetz dürfen „entwicklungsfähige Zellen“ (der Begriff Embryo wurde bewusst umgangen!) nur zur Herbeiführung einer Schwangerschaft verwendet werden. Während sich die vier Gesundheitssprecher der Parlamentsparteien – durchaus im Widerspruch zu anderen Stimmen aus ihren Parteien – für den Huber-Vorstoß aussprachen, konterten der Ökumenische Rat der Kirchen ebenso wie die „Aktion Leben“. Gertraude Steindl sieht sich mit ihrer von 60.000 Österreicher/-innen unterstützten Bürgerinitiative bestätigt: „Wir verlangen, dass die Gesetze gegen alle Begehrlichkeiten der Gentechnik und Biomedizin wasserdicht gemacht werden. Menschliches Leben, auch in seiner Frühform, ist kein Material, dass man in der Forschung einfach verwerten und verbrauchen kann. Da heiligt auch der Zweck, dass man möglicherweise rascher als über andere Wege in einigen Jahren kranken Menschen helfen kann, die Mittel nicht.“ Empörend findet sie die Huber-Aussage, dass es sich bei der Gewinnung von embryonalen Stammzellen nicht um die Tötung, sondern um die Umprogrammierung von Leben handelt. „Der Embryo wird zerstört, auch wenn aus den von ihm gewonnenen Stamm- zellen Herzmuskelgewebe entwickelt würde – was derzeit – trotz großer Ankündigungen – in Wirklichkeit noch weit weg ist.“ Steindl fürchtet auch, dass, wenn man diese Tür öffnet, mit den etwa 50 in Österreich pro Jahr übrig bleibenden Embryonen nicht das Auslangen gefunden würde.
Rasterfahndung
In-vitro befruchtetes menschliches Leben kommt aber auch noch von anderer Seite in Gefahr. In Amerika und zahlreichen europäischen Ländern werden die Embryonen vor der Einpflanzung genetisch untersucht (Präimplantationsdiagnostik). Die Grüne Abgeordnete Theresia Haidlmayr (selbst behindert) spricht kritisch von einer „Rasterfahndung nach genetischen Defekten“. „Das Ziel ist aber nicht die Therapie, sondern die Selektion nicht perfekten Lebens“, kritisiert der evangelische Theologe Ulrich Körtner.
Lexikon:
– Präimplantations-diagnostik (PID). Dabei werden wenige Tage alte, im Reagenzglas (in vitro) befruchtete Embryonen vor der Einpflanzung in die Gebärmutter genetisch untersucht. Dadurch lassen sich genetisch bedingte (Erb-)Krankheiten, aber auch Geschlecht und andere Anlagen früh feststellen.
Gegner sprechen von einer „Selektion“, die zunächst behindertes Leben aussondert und dann die Grenzen der „Auswahl“ immer weiter hinausschiebt. Befürworter versichern, dass nur Embryonen mit bestimmten, schweren Erbkrankheiten nicht mehr eingepflanzt werden müssten. Dadurch könnte Frauen viel Leid erspart werden, verweisen sie auf die auch in Österreich mögliche Abtreibung von Behinderten bis zum 9. Schwangerschaftsmonat. PID ist in vielen europäischen Ländern erlaubt, nicht in Österreich und Deutschland.
– Stammzellen sind noch undifferenzierte zelluläre „Alleskönner“ die sich sowohl selber reproduzieren als auch spezifische Körperzellen entwickeln können. Aus den etwa 50 Stammzellen der Blastozyte (Frühembryo) entwickeln sich über 200 Typen verschiedener menschlicher Körperzellen. Deshalb sind embryonale Stammzellen besonders gefragt, um „Ersatzteile“ für kranke Organe zu erzeugen. Der Embryo wird dabei getötet. Derzeit ist die Forschung von tatsächlichen Erfolgen noch soweit entfernt wie der Mensch vom Flug zum Jupiter, sagt ein deutscher Experte. Ethisch unbedenklich ist die Forschung mit sogenannten „adulten Stammzellen“, eine Art „Reparaturzellen“, die jeder Mensch in sich trägt, und mit Zellen aus der Nabelschnur, die Vorläuferzellen für eine Reihe menschlicher Organe enthält. Die Embryo-Zellen aber versprechen rascheren Erfolg und schnelleres Geld.