Am 50. Tag nach dem Pessachfest wird im Judentum Schawuot gefeiert, das Fest der Offenbarung Gottes am Sinai: Gott hat den Bund mit dem Volk Israel geschlossen und ihm als Gabe, als Bundessatzung, die Zehn Gebote gegeben. Wir Christen feiern am 50. Tag nach Ostern das Pfingstfest, das Fest der Geistsendung: Gott hat den Bund mit seinem Volk erneuert und uns als Gabe seinen Geist gesandt.
Viele Gaben und Zeichen kommen von Gott, um den Menschen in eine lebendige Beziehung mit ihm zu führen. Da ist die Schöpfung mit den zahllosen Spuren auf Gott hin; da sind die Gebote, die uns Wegweisung auf dem Weg mit Gott sind; da ist das Leben und Beispiel Jesu, der uns Gott auf einzigartige Weise begreifbar gemacht hat; und da ist der Geist Gottes, der in der Welt und in den Menschen wirkt und Gott in unserer Welt da sein lässt. Alle diese Gaben Gottes sind für uns wichtig, dass wir Zugang zu Gott finden. Gott will uns in eine lebendige, persönliche Beziehung mit sich hineinnehmen. Die Gabe des Geistes Gottes, der inspirierenden Kraft, die unseren Glauben lebendig und persönlich macht, ist für mich die Botschaft des Pfingstfestes.
Gott gibt uns den Geist der Liebe und des Verstehens. Wie leicht Missverständnisse entstehen, wie oft unterschiedliche Anliegen und Ansichten aufeinander prallen, wie schwer es ist, aufmerksam einander zuzuhören und aufeinander einzugehen, merken wir tagtäglich. Schmerzlich erleben wir die Übermacht des Trennenden über das Gemeinsame. Da ist der Geist Gottes gefragt, der Gemeinschaft stiftet und uns zusammenführt.
Gott gibt uns den Geist des prophetischen Aufbruchs. Jesus hat die Vision des Reiches Gottes in die Welt gesetzt und uns aufgetragen, daran zu bauen. Das erfordert Einsatz und Begeisterung. Gegen alle Resignation ist Gottes Geist eine ermutigende Kraft. Wenn wir in Gefahr geraten, es uns im Leben gemütlich einzurichten und nirgends anzuecken, ist Gottes Geist ein Unruhestifter. Wenn er uns ergreift, wirken wir mit, dass das Angesicht der Erde erneuert wird.Gott gibt uns den Geist der Gotteskindschaft. Nicht unwürdige Sklaven oder fremdgesteuerte Marionetten sind wir, sondern Töchter und Söhne Gottes. Sein Geist wohnt in uns. Wir sind Tempel des Geistes.
Als Glaubende leben wir im Bund mit Gott. Gottes Gabe in diesem Bund ist der lebendig machende Geist. Unser Beitrag für diesen Bund kann ein offenes und hörendes Herz sein, die Bereitschaft, Gottes Geist in und unter uns Raum zu geben. Er ist es, der uns lebendig macht, der das Angesicht der Erde erneuert.
Günther Willi ist Jugend- und Jungscharseelsorger der Diözese Feldkirch.