Ist es „normal“ oder wahnhaft, an einen gekreuzigten Verbrecher als den Retter zu glauben? Diesem Gedanken folgt Paulus im ersten Korinther-Brief (1 Kor 1–3). Das, was psychiatrische PatientInnen in ihrem Wahn glauben und rituell vollziehen, mag „normalen“ Christen ebenso verrückt erscheinen wie das Kreuz den Heiden. Dennoch, so meine ich, ist der Glaube dieser Menschen deshalb nicht weniger aufrichtig, für sie selbst verbindlich und heilig wie der von „gesunden“ Menschen.Ein Mann in der Klinikkirche beim Gottesdienst: Er zieht seinen Hut, den er bisher auf dem Kopf hatte, beginnt damit zu winken, hält ihn ehrerbietig an die Brust, nimmt dann seinem Nachbarn die Kappe ab, legt sie beiseite, setzt ihm diese nach einer Weile wieder auf, nur anders herum … – ein individuelles Ritual, erfunden im Augenblick, für passend befunden, zur Ehre Gottes.Eine Frau kniet auf dem Boden der Akut-Station, die Arme zur Seite ausgebreitet, lange Zeit, das Kreuz an der Wand anbetend, identifiziert mit dem verletzten, gequälten Gott. Religiöser Wahn? Religion als solche ist wesentlich ein „Hoffen auf das, was wir nicht sehen“ (Röm 8, 25), der Glaube an die Macht der Liebe wider die Alltagserfahrung, für viele ein Gehen an die Grenze. Gibt es einen „Wahn“, der anstelle von Krankheit Heil(ung) vermittelt?Eine andere Patientin schildert ihre Erfahrungen: „Jetzt spüre ich Gott“, sagt sie, verdreht dabei ekstatisch die Augen, ihre Hände und Arme zittern. „Es ist so wunderschön, er ist ganz nahe bei mir. Glauben Sie, dass das eine Krankheit ist?“ Nein, ich glaube das nicht, aber es kann sein, dass diese Frau in der Manie überfordert ist, ihre Erfahrungen „richtig“, d. h. für ihr Leben förderlich einzuordnen und zu beurteilen, in der „richtigen“ Art und Weise auf sie zu reagieren – und dass sie deshalb Hilfe benötigt.„Erzählen Sie es bitte nicht dem Arzt“, sagt die Patientin. Ich denke an Jesaja und seine große Vision (Jes 6, 1f.): Hat auch er gezittert, waren seine Augen auch verdreht? Ich antworte ihr: „Schön, dass Sie Gott so intensiv bei sich spüren können“, und ich denke mir: Es wäre schön für alle Menschen, wenn Gottes Nähe für sie so unmittelbar erfahrbar wäre.
Mag. Alexander Huck, Seelsorger und Psychotherapeut