Ausgabe: 2001/23, Willi, Kommentar, Gott, Menschen
05.06.2001
- Günther Willi
Jesus hat das Gottesbild nachhaltig revolutioniert. Er hat den unergründlichen Gott ins Menschliche übersetzt. Er lässt uns einen Gott erleben, der anders ist – der Beziehung, Liebe und Gemeinschaft ist. Das klingt noch recht einfach, aber wenn im Evangelium vom ‚Geist der Wahrheit‘ die Rede ist, „der von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden wird“, dann kommen viele Fragen. Wie ist denn nun dieser Gott zu verstehen? Wahrscheinlich mussten Sie die Bibeltexte dieses Dreifaltigkeitssonntags – wie ich – mehrmals lesen, um sie einigermaßen verstehen zu können. Für mich ist eine Botschaft an diesem Sonntag wichtig: dass wir uns kein zu einfaches Bild von Gott machen dürfen, „dass wir Gott größer denken müssen“ (Bischof Joachim Wanke). Wer in einer lebendigen Beziehung zu Gott steht, für den/die stellt sich die Gottesfrage immer wieder neu. Dabei sehen wir uns vor drei Herausforderungen gestellt: An einen Gott zu glauben, der nicht sichtbar und nicht direkt und unmittelbar erfahrbar ist: Wir ‚stoßen‘ auf Gott, wenn wir hinter die Dinge schauen. An Gott zu glauben heißt zunächst, mit der unsichtbaren Wirklichkeit zu leben und sich auf das Abenteuer einzulassen, sich Fragen zu stellen, die alles Materielle und Vordergründige relativieren.
An einen einzigen, guten Gott zu glauben, wenn es doch so viel Leid und Unrecht gibt: Wenn die Gottesvorstellung als adäquat erlebt werden soll, müssen auch die negativen Erfahrungen, Leid und Bosheit in das Gottesbild integrierbar sein. Ein zuckersüßer, lieber Gott taugt nicht zur Lebensbewältigung.
Mit Gott eine Beziehung aufzubauen: Ein Gott, zu dem wir keine Beziehung aufbauen können, ist kein Gott, sondern eine Erklärungshypothese. Für einen gläubigen Menschen gilt es, das gute Maß an Nähe und Distanz zu finden; Gott nicht zu vereinnahmen durch unser Bild und unsere Vorstellung, ihn „den ganz anderen“ sein zu lassen und dennoch einen Kontakt zu haben, der uns erfahren lässt, dass wir geliebte und gewollte Geschöpfe sind, deren Leben einen Sinn hat.
Die Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes sagt daher: Das Bild vom guten Vater reicht nicht. Gott ist auch liebende Mutter. Und er ist Sohn und Geist; er ist Beziehung, Liebe und Gemeinschaft; er ist der ganz Andere und Unfassbare und zugleich wohnt er in und unter uns; er ist vor der Zeit und wirkt in der Zeit und in der Welt. Der Dreifaltige genügt sich selber und doch hat er Interesse am Menschen, will unter den Menschen sein und sie an seinem Leben teilnehmen lassen. Wie sagt die Weisheit Gottes? „Meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.“ (Spr 8, 31)
Günther Willi ist Jugend- und Jungscharseelsorger der Diözese Feldkirch.