Wer ist Jesus von Nazareth? In vielen Geschichten, Bildern und Namen suchen die Verfasser der neutestamentlichen Texte Jesus zu begreifen, seine Wirkung zu verstehen, seine Besonderheit zu beschreiben. Diese Suchbewegung findet kein Ende. Zu jeder Zeit stellen sich Menschen die Frage: Wer ist dieser Jesus? Welche Bedeutung soll man ihm zuschreiben? Ist er wirklich die maßgebliche Gestalt für Glück und Seligkeit der Menschen? Aber es ist nicht zu übersehen: In unserer Kultur ist die Frage nach Jesus beinahe verstummt. Schwermütig der Verdacht, aus der Menge kann ein von Gott kommender wahrer Mensch nicht heraustreten. Die Biotechnologie ist vielmehr angetreten, den neuen, vollkommenen Menschen zu schaffen. Wo ist hier Jesus? Wie ihn suchen?
Das Evangelium vom Sonntag bringt eine erste, überraschende Antwort. Sie zeigt zunächst auf Johannes den Täufer. Ein wilder, junger Mann. Scharf entschlossen, der Ausweglosigkeit einer gottlosen und sündigen Welt das Zorngericht Gottes anzukündigen. Wer nicht umkehrt, ist verloren. In unserer Kultur eine völlig unverständliche Aussage. Wir fürchten uns vor ungewissen Börsenkursen, vor Terroranschlägen und verseuchtem Rindfleisch. Der Zorn Gottes gehört nicht in die Liste unserer Ängste.
Jesus von Nazareth geht diesem Propheten unerschrocken entgegen. Johannes der Täufer ist vermutlich die einzige Gestalt im damaligen Judentum, an die Jesus ausdrücklich anknüpft. Er sucht seine Taufe, das Eingetauchtwerden in die reine Welt Gottes. Und Johannes erkennt ihn, spürt, dass da einer vor ihm steht, der seiner Taufe der Umkehr zu Gott nicht bedarf. Und provoziert einen der schönsten Sätze der Menschheitsgeschichte: Als Johannes widerstrebend Jesus ins Wasser der göttlichen Reinigung taucht, ist da die Gewissheit: Das ist Gottes geliebter Sohn, an dem er Gefallen gefunden hat.
Viele von uns leben mit dem tiefinneren Gefühl, nicht in Ordnung, auf Erden nicht wirklich willkommen zu sein, leben mit der Empfindung einer Ablehnung von Anfang an. Und dann dieser Satz, diese einfache, leicht und frei hingesagte Gutheißung, diese freudige Zustimmung. Ich möchte dem jungen Jesus, so wie als Vater meinem 15-jährigen Sohn und meiner 18-jährigen Tochter, in Augenhöhe gegenüberstehen, ihn und sie umarmen, an mich drücken und ihnen sagen: Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter. Du gefällst mir. Es ist gut, dass Du da bist! Und ich möchte den jungen Jesus spüren, der mich umarmt.
Wilhelm Achleitner ist Direktor des Bildungshauses Schloss Puchberg bei Wels.