In der Reihe Kunst & Geschichte_n stellt Experte Lothar Schultes Persönlichkeiten vor, die in Kunst und Geschichte wichtige Spuren in Oberösterreich hinterlassen haben.
Die abschlossene Reihe "alt & kostbar" finden sie hier.
Unter dem Titel „This is not a church“ rückte sie ein hochaktuelles Thema in den Fokus: den Umgang mit leerstehenden Kirchen der Nachkriegszeit und ihre Zukunft als gesellschaftlich relevante Orte. Bis zum 4. Oktober standen in Essen, Bochum, Gelsenkirchen und Duisburg insgesamt zwölf Kirchen der Nachkriegszeit im Mittelpunkt. Die architektonisch markanten Gebäude, die von ihrer ursprünglichen Funktion geprägt sind, verwandelten sich in experimentelle Räume für Kunst, Austausch und gemeinschaftliche Nutzung. Ausgangspunkt war der Strukturwandel der Region und die Frage nach sozialem Zusammenhalt – die Manifesta fungierte dabei als Versuchslabor. Verantwortlich für das Programm waren generationenübergreifende Kurator:innenteams, die als sogenannte Creative Mediators auch neue Vermittlungsformate erprobten. Die Projekte reichten von Raum- und Klanginstallationen bis hin zu innovativen Nutzungen der Kirchenräume: So wurde etwa ein Kirchenschiff in einen Basketballplatz verwandelt, aus Kirchenbänken wurde neu gestaltetes Mobiliar gefertigt und ein Teegarten als Ort der Begegnung angelegt. Themen wie Migration, Bildung, Nachbarschaft sowie die Bergbaugeschichte des Ruhrgebiets flossen ebenso ein wie internationale Perspektiven, etwa mit Blick auf Polen.
Die Besonderheit dieser Manifesta war, dass sie sich nicht nur an ein künstlerisch interessiertes Publikum, sondern auch an kirchlich Verantwortliche wandte, die auf der Suche nach kreativen und zukunftsträchtigen Impulsen für den Umgang mit Kirchen waren.
Monika Weilguni, Pastoralvorständin der Pfarre Linz-Mitte, besuchte bei der Studienreise der Pfarrer- und Pfarrvorständekonferenz der Diözese Linz (siehe KIZ 39) einige Kirchen. „Trudi“, die ehemalige Kirche St. Gertrud in Essen, im Vorjahr profaniert, ist ihr besonders in Erinnerung: „Die Kirche beherbergt heute die Hochschule der bildenden Künste Essen. Für die Manifesta hat der Künstler Nasan Tur unter dem Titel „Elevation“ Kirchenbänke zu einem Kunstwerk umfunktioniert. Besucher:innen haben ihre Gedanken und Wünsche auf Zetteln notiert, die in die senkrecht aufgestellten Kirchenbänke hineingraviert wurden. ‚Hör auf zu warten‘, ‚Hoffnung‘ oder ‚Liebe‘ waren zu lesen.“
Deutlich wurde für Weilguni, wie sehr Menschen mit Kirchen Erinnerungen, Identität und Glaubenserfahrungen verbinden und wie schmerzhaft ihr Verlust ist. Ihr Resümee nach der Begegnung mit den künstlerischen Projekten lautet: „Wenn Kirchenräume zu Kunsträumen werden, bleiben sie Orte der Sehnsucht. Sie ermöglichen ästhetische Erfahrungen über den eigenen Horizont hinaus und öffnen so einen Raum für den Dialog zwischen Kirche und Kunst sowie zwischen Alltag und Heiligkeit.“
Die 1996 in Rotterdam gegründete Manifesta ist – neben der Biennale Venedig – eine der wichtigsten Plattformen für zeitgenössische Kunst in Europa.
Mehr Informationen: www.manifesta16.org
In der Reihe Kunst & Geschichte_n stellt Experte Lothar Schultes Persönlichkeiten vor, die in Kunst und Geschichte wichtige Spuren in Oberösterreich hinterlassen haben.
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