„... Er macht mit mir nur, was er will ... Ich bin für ihn nur zum Arbeiten da ... Wenn ich einmal einen Wunsch äußere, rennt er hinaus und schlägt mit voller Wucht die Tür zu ... Den ganzen Tag gibt es kein gutes Wort und keinen guten Blick ... Mein Mann schimpft und schreit mit mir, was er nur kann ... Es kränkt mich, wenn er gegen die Kinder redet ... Er geht mit mir nirgends hin ... Er glaubt mir nichts, auch wenn ich zehnmal Recht hätte ... Im Haus darf nichts geändert werden ... Trotzdem möchte ich mit meinem Mann noch weiterleben ... Ich habe mich immer wieder bemüht, dass wenigstens die Kinder schöne Zeiten erleben können im Elternhaus, aber sie haben von klein auf viel Streit erleben müssen ... Ich mag den Kindern nicht davongehen ... “
Die beiden werden einander nicht ändern können. Veränderungsmöglichkeiten haben aber trotzdem beide. Was wäre, wenn er einmal anerkennen würde, dass er sich genau diese Frau ausgesucht und geheiratet hat? Nach über 30 Jahren Ehe immer noch zu bedauern, dass er auch eine andere (Bessere) hätte heiraten können, blockiert und verhindert jede Entwicklung. So wie die Beziehungs- und Familiengeschichte geschildert wurde, hat der Mann und Vater seine freundlichen Gefühle nie zeigen können und dürfen, weil das nicht dem ererbten Rollenbild entsprach. Die Folge ist Misstrauen allen Gefühlen gegenüber. Was wäre also, wenn er seine Gefühle, die massiv zum Durchbruch kommenden negativen und die wahrscheinlich immer noch leise und zart vorhandenen positiven als zu ihm gehörend begrüßen würde? Und was wäre, wenn sie noch stärker als bisher auf ihr eigenes Wohlergehen schauen, sich selber häufiger vorne anstellen und ihr Leben nicht nur für die anderen (die Kinder und den schwierigen Mann) leben würde? Könnte es nicht sein, dass ihre Selbst(be)achtung mehr (Be-)Achtung bei ihm auslöst? Was spricht dagegen, ein Nebeneinander in Würde anzustreben, wenn ein (ideales) Miteinander noch nicht oder auf Grund der vielen Verletzungen nicht mehr möglich ist?
Ich bin mir sicher, dass diese Fragen und Infragestellungen all das Leid und den Schmerz nicht aufheben, denn keine Lebensgeschichte, mit allem Geschehenen, kann ungeschehen gemacht werden. Ich glaube aber, dass das Ja zu sich selber eine neue Ja-Kraft für den anderen und somit für das Gemeinsame freisetzen könnte.
Ehe- und Familienseelsorger Mag. Franz Harant antwortet als Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberater.