Täglich werden es mehr, die in Capioví bei P. Franz Senfter anklopfen
Ausgabe: 2002/03, Paco, Padre Paco, Senfter, Franz Senfter, Argentinien
17.01.2002
- Walter Achleitner
Seit 18 Jahren lebt der Steyler-Missionar P. Franz Senfter in Argentinien: „Heute ist es ein Land, wo den Menschen auch noch der letzte Knopf aus der Tasche gezogen wurde“, sagt der gebürtige Osttiroler.
Dass Franz Senfter nicht nur Priester, sondern auch Krisenmanager ist, daran musste sich der 46-Jährige erst gewöhnen, als er vor drei Jahren nach Capioví kam. Denn in der vor 80 Jahren von deutschen Auswanderern gegründeten Stadt im Nordosten Argentiniens ist er nicht nur Seelsorger für rund 10.000 Einwohner, sondern auch verantwortlich für den Betrieb zweier Schulen mit 600 Kindern. „Doch die Krise, die wir jetzt erleben, stellt alle bisherigen Schwierigkeiten in den Schatten“, meint der Missionar.Eine Woche nach Abwertung des argentinischen Peso ist die Lage weithin unklar: „Seither sind die Banken geschlossen, niemand weiß, wie viel das Geld tatsächlich wert ist. In den Geschäften sind Grundnahrungsmittel aus den Regalen in die Depots verschwunden. Und Mehl ist über Nacht fast um die Hälfte teurer geworden“, beschreibt Senfter die Lage.
Nie erwartet
„Engpässe bei Medikamenten sind jedoch kaum zu spüren – dafür haben die Leute schon seit längerem kein Geld mehr.“ Denn auch in Capioví gibt es viele Neuarme. Die nahe gelegene Papierfabrik ist zwar nur wegen der Ferien vorübergehend geschlossen. Aber außer diesen 300 Arbeitsplätzen bietet kaum jemand Arbeit in der Stadt am Rio Paraná. „Leute, die regelmäßig Arbeit hatten und das in guter Position – die es nie erwartet hätten –, leben heute sozusagen vom Betteln.“ Und Senfter fährt fort in seiner Analyse: „Die Lehrer haben seit Monaten keinen Lohn mehr erhalten. Jene Bauern, die Mate-Tee pflanzen, haben bis heute noch nicht einmal das Geld für die Ernte vor einem Jahr erhalten. Dabei ist wegen der Abwanderung in den vergangenen Jahren das Land rund um Capioví ohnehin nahezu menschenleer.“
Küchen finanzieren
Zwar gibt es von der Gemeinde organisierte Ausspeisungen für Kinder und Senioren. Doch das Geld, das die Regierung in Buenos Aires dafür zur Verfügung stellt, reicht gerade für zehn Tage im Monat. Um den Fortbestand der „Comedores“ zu sichern, will nun der Bürgermeister diese Aufgabe an den Pfarrer übergeben.Dabei klopfen täglich immer mehr Menschen an die Türe von Padre Paco. „Sie kommen mit großem Vertrauen und bitten um Lebensmittel, Medikamente, aber vor allem um Arbeit. Doch statt einzelnen zu helfen, unterstützen wir die Armenküchen. Den Menschen möchte ich wenigstens das Gefühl geben, ihnen zugehört und meine Zeit geschenkt zu haben. Das ist das Einzige, das ich ihnen momentan geben kann“, erzählt Franz Senfter. „Und für die Armenküche, in der heute Mittag erstmals gekocht wird, hat die Pfarre 2000 Ziegel beigesteuert.“
ZUR SACHE
Härteste Zeit in 18 Jahren
Es war noch zur Zeit der Militärdiktatur, als der Steyler-Missionar Franz Senfter 1983 nach Argentinien gekommen ist. Und in den vergangenen 18 Jahren hat der in Sillian Geborene so manche Krise durchlebt: „Seither gab es zwei Währungen. Beim ersten Mal wurden drei, beim zweiten Mal gar vier Nullen gestrichen. Wir erlebten die Hyperinflation mit 30 Prozent im Monat. Es gab Lebensmittelengpässe und schon damals wurden Supermärkte geplündert“, erinnert sich Senfter.
„Völlig neu ist aber die extrem hohe Zahl an Arbeitslosen. Selbst Leute mit guter Ausbildung stehen heute auf der Straße. Das ist das wirklich Erschreckende: Das Land ist heruntergewirtschaftet“, beschreibt er die Situation in Argentinien. Für den Bankrott in dem an sich reichen Land macht Senfter die Politiker und Parteien verantwortlich: „Sie haben in die eigene Tasche gewirtschaftet.“ Doch der enorme Vertrauensverlust ist nicht überraschend. Im Oktober hat sich dieser bei den Wahlen abgezeichnet: in einigen Bundesstaaten haben über 50 Prozent weiß gewählt – ungültig wurde die stärkste Partei. Gegenläufig ist der Trend bei der Caritas: „Sie ist jene Organisation, die heute ein extrem hohes Ansehen genießt. Und ich erlebe, dass trotz großer Not großzügig einander geholfen wird.“