Ausgabe: 2002/04, Religionen, Rat der Religionen, Judentum, Buddhismus, Hinduismus, Christentum, Islam, Friedensgebet, Assisi
23.01.2002
- Walter Achleitner
1986 hat erstmals in Assisi ein Friedensgebet der Religionen stattgefunden. In Österreich ist seit damals viel gewachsen im „Dialog der Religionen“.
Wenn sich Christine Gleixner an den 28. Oktober 1986 erinnert, dann „war das sozusagen ein beginnender mühsamer Prozess.“ Die katholische Ordensfrau, die derzeit Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) ist, hatte für diesen Tag zeitgleich zum Friedensgebet in Assisi in der Wiener UNO-City eine interreligiöse Feier vorbereitet – etwas ganz Neues in Österreich. „Wenn ich das mit heute vergleiche, dann ist sehr viel passiert an gegenseitigem Vertrauen im Miteinander.“ In erster Linie heißt es: „Angst abbauen und Vertrauen aufbauen.“ Der Dialog, und das betont Gleixner mehrfach, finde dort statt, „wo er sich aus dem Leben ergibt“. Zu den besonderen Beispielen zählt sie die Gedenkstunde der abrahamitischen Religionen vom 8. Oktober 2001: als Juden, Christen und Moslems in der Wiener Hofburg für die Opfer der Terroranschläge in den USA und den Frieden gebetet haben.
Graz 1997 umgesetzt
Weniger Assisi 1986 als vielmehr Graz 1997 hat für Metropolit Michael Staikos die Situation in Österreich geprägt: „Dass die christlichen Kirchen am 17. Jänner den Tag des Judentums begehen, ist Frucht der Europäischen Ökumenischen Versammlung“, sagt der griechisch-orthodoxe Christ. Aber auch die Öffnung des ÖRKÖ gegenüber dem Islam basiere auf einer Empfehlung des Kirchengipfels von 1997 in der steirischen Landeshauptstadt.Erfreut über die wachsenden Kontakte zu den nichtchristlichen Religionen ist auch der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl. Er ist zuständig für die „Kontaktstelle für Weltreligionen“, die 1989 als Referat der Österreichischen Bischofskonferenz errichtet wurde. „Ausdruck dieses wachsenden ,Dialogs im Alltag‘ ist das Bemühen um Zusammenarbeit unter den anerkannten Religionsgemeinschaften im Bereich der Schule oder wie jüngst in der Krankenhausseelsorge.“„Sehr positiv“ erlebt Bhante Thero Seelawansa, Vertreter des Theravada-Buddhismus, die interreligiöse Atmosphäre: „Die Christen und die anderen Religionen haben viel dafür gearbeitet.“ Vor allem beobachtet der auf Sri Lanka geborene Seelawansa einen radikalen Wandel: „Noch vor wenigen Jahren hat jede Religion sich selbst dargestellt. Heute wird versucht, Gemeinsamkeiten zu finden.“ Eine Entwicklung, die für ihn vor allem mit einem Namen verbunden ist: „Kardinal Franz König hat dafür sehr viel getan. Er bewertet die anderen nicht, sondern er betrachtet nur. Das ist für mich eine sehr buddhistische Haltung.“
Auf den interreligiösen Dialog in Österreich seit 1986 angesprochen, meint Prof. Anas Schakfeh, der Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft: „Die Entwicklung kann ich als positiv bezeichnen. Und wir hoffen auf eine bessere Zukunft der Kontakte und Beziehungen zwischen den Religionen.“ Dass sich mit der zweitgrößten Glaubensgemeinschaft Österreichs immer wieder Kontakte ergeben, ist für Schakfeh „naturgemäß“. Und „es gibt Kontakte auf privater Ebene, die zugenommen haben.“ Vor allem nach „bestimmten Ereignissen“, wie den Terroranschlägen in den USA, „würden diese intensiviert. Aber ein regelrecht offizieller Dialog hat bis jetzt nicht stattgefunden.“
Offizieller Dialog erwünscht
Präsident Schakfeh denkt an einen Gesprächsprozess, der von offiziellen Vertretern vorbereitet wird. Dazu zählt er eine Tagesordnung ebenso wie die Veröffentlichung einer abschließenden Erklärung. „Das sind Vorstellungen, die wahrscheinlich in der Zukunft erreicht werden“, hofft Schakfeh. Forum, in dem sich Anas Schakfeh bisher mit anderen Religionsvertretern in Österreich trifft, ist die Sektion der „Weltkonferenz der Religionen für den Frieden“ (WCRP). Diese regierungsunabhängige Organisation, die Beobachterstatus bei der UNO hat, wurde 1970 in Kyoto (Japan) gegründet. Mittlerweile ist sie in 60 Ländern vertreten, seit 15 Jahren auch hierzulande. Vorsitzender von WCRP-Österreich ist Rektor Petrus Bsteh, der Leiter der Kontaktstelle für Weltreligionen. Der buddhistische Mönch Thero Seelawansa: „Ich bin froh, dass wir uns monatlich in diesem Kreis treffen.“
Immer wieder kommt dabei eines zur Sprache: Ein „Rat der Religionen“, in dem offizielle Vertreter über Fragen sprechen, die sich im „Dialog des Alltags“ in Österreich ergeben. Petrus Bsteh: „Anliegen, die alle Religionen gemeinsam betreffen, könnten so in der Öffentlichkeit wirksamer vertreten werden. aber auch jene der Öffentlichkeit an die Religionen.“ Für Anas Schakfeh, den Präsidenten der islamischen Glaubensgemeinschaft, eine „begrüßenswerte Idee. Denn jede Kontaktaufnahme zwischen den Religionen ist gut.“
STANDPUNKTE
Was bedeutet für Ihre Glaubensgemeinschaft in Österreich der Friedensgipfel von Assisi?
„Selbstverständlich nimmt im Judentum der Gedanke für den Frieden eine zentrale Stellung ein und so werden mehrere Rabbiner in Assisi teilnehmen. Wir glauben aber, dass religiöse Führer für den Frieden nicht nur beten, sondern in ihren Gemeinden auch erzieherisch für ein friedvolles Miteinander wirken sollten.“
Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, Israelitische Kultusgemeinde„Das ist eine sehr kräftige Sache. Wenn die Menschen sehen, dass Religionsführer zusammenkommen und gemeinsam friedlich über ihre Religion sprechen, dann kann das Kraft erzeugen. Aber für mich noch wichtiger wäre, wenn auch einfache religiöse Menschen auf diese Weise zusammenkommen würden.“
„Es ist ein Ausdruck des guten Willens seitens des Papstes und des Vatikans. Wir begrüßen das und hoffen, dass es nicht nur bei der Symbolik bleibt, sondern dass die echte Gesinnung zum Frieden auf der Grundlage des gegenseitigen Respekts, der Achtung und der Gerechtigkeit hier wirksam wird.“
Anas Schakfeh, Islamische Glaubensgemeinschaft
„Assisi ist eine ganz außergewöhnliche öffentliche Kundgebung, dass es eine gemeinsame Verantwortung der Religionen für den Frieden, für Versöhnung und Gerechtigkeit auf dieser Welt gibt. Ich denke, die Welt und wir selber sollten das sehr ernst nehmen und uns am Tag nach Assisi danach befragen (lassen), wie wir diese gemeinsame Verantwortung konkret umsetzen.“
Weihbischof Helmut Krätzl, in der Bischofskonferenz zuständig für „Dialog mit den Weltreligionen“