Die Stadtpfarrkirche Steyr ist ein Schatz der Gotik – fernab vom Klischee des Mittelalters
Ausgabe: 2002/13, Gotik, Steyr, Stadtpfarre,
26.03.2002
Ein Besuch in der Stadpfarrkirche Steyr zeigt: Wer mit offenen Augen gotische Architektur betrachtet, wird Neues entdecken.
Ein Besucher der Stadtpfarrkirche Steyr mag zunächst enttäuscht sein. Wer sich ihr nähert, vermisst die von gotischen Kathedralen bekannte eindrückliche und zugleich einladende Westfassade. Vielmehr erwartet ihn und sie eine massive Durchgangshalle, von der aus ein Doppelportal in die Kirche führt. Dieses wurde erst im Zuge einer Erweiterung 1554 errichtet und zeugt von dem verschlossenen Charakter des über der Altstadt an der Stadtmauer erstmals im 12. Jahrhundert errichteten Gotteshauses.
Die Spuren einer sich über Jahrhunderte erstreckenden Baugeschichte irritieren auch im Inneren. Nachdem man die Kirche durch das südliche Seitenportal betreten hat, vermisst man das Erlebnis eines geheimnisvollen, in ein „mystisches“ Licht getauchten Raumes, wie Besucher und Besucherinnen es gemeinhin von der Gotik erwarten. Die Steyrer Stadtpfarrkirche ist ein ausgezeichneter Zeuge des Bauens im späten Mittelalter und lässt viele Bruchstellen offen.
Der erste Eindruck ist der eines großen, weiten und hellen Raumes. Das Phänomen der Größe und Weite resultiert außer aus den tatsächlichen Ausmaßen – Steyr war im Spätmittelalter eine der mächtigsten und reichsten Handelsstädte nicht nur Oberösterreichs – aus der Tatsache einer Hallenkirche. Dies ergibt in Steyr einen gleichmäßig erhellten Raum, was durch die die Langhauswände beherrschenden neugotischen Fenster verstärkt wird. Dadurch sieht man die Kirche im wahrsten Sinne des Wortes im Licht der Neugotik. Diese Epoche hat neben den Fenstern vor allem den Turmaufbau sowie das gesamte Mobiliar nachhaltig geprägt. In der Zeit von 1854 bis 1857 wurden nicht nur notwendige Renovierungsarbeiten am Bau vorgenommen, sondern die Gotik auch in ihrem Verständnis weitergeführt.
Hohe Qualität: Steyrer Metallkunst
Wo kann der an Gotik interessierte Besucher Bruchstellen der Baugeschichte in der Stadtpfarrkirche Steyr entdecken? Am besten, wenn er oder sie durch das – 1630 neu eingewölbte – Langhaus schreitet und den Chorraum betritt. Dort hat der aus der Bauhütte St. Stephan/Wien stammende Baumeister Hans Puchsbaum ab 1443 einen dreischiffigen Hallenchor mit einem aus Bündelpfeilern wachsenden Netzrippengewölbe errichtet. Das Sakramentshäuschen und die Sitzbaldachine über dem Priestersitz sind noch in ihrer Originalform erhalten. Ein reizvolles Architekturdetail bildet ein Erker mit Maßwerkverzierung am Nordturm.
Ein waches Auge wird noch manch weitere außergewöhnliche Elemente entdeckten: So zeugen die Tür des Sakramentshäuschens sowie die Sakristeitür von der hohen Qualität der Steyrer Metallkunst. Das erste Fenster der Südwand, das nach 1800 hier eingebaut wurde und sich aus mehreren Teilen zusammensetzt, weist stilistisch in das Ende des 13. Jahrhunderts. Möglicherweise aus Heiligenkreuz stammend, zählt es zu den bedeutendsten Erzeugnissen gotischer Glasmalerei Österreichs. Stets sind es Augen des 21. Jahrhunderts, die die Werke der Gotik zu entdecken suchen. Gerade diese Vielschichtigkeit des Steyrer Baus, die aus Reperaturarbeiten, Ergänzungen und aus dem Selbstverständnis unterschiedlicher Epochen resultiert, lädt jeden neugierigen Besucher ein, Geschichte nicht als abgeschlossene Etappe, sondern als Prozess zu begreifen.
Monika Leisch-Kiesl, Prof. für Kunst an der Kath.-Theol. Privatuniversität