In der Reihe Kunst & Geschichte_n stellt Experte Lothar Schultes Persönlichkeiten vor, die in Kunst und Geschichte wichtige Spuren in Oberösterreich hinterlassen haben.
Die abschlossene Reihe "alt & kostbar" finden sie hier.
Es war der frühe Tod ihres einzigen Sohnes Gebhard, der Wernher und Dietburga von Reichersberg 1084 bewog, bei ihrer Burg in Reichersberg ein Augustiner-Chorherrenkloster zu stiften. Es ist dem hl. Erzengel Michael geweiht, der nach der Schlacht auf dem Lechfeld 955 zum Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches wurde. Wernher gilt als Verwandter von Hemma von Gurk, der Landesheiligen von Kärnten, seine Gattin Dietburga war eine Schwester des Erzbischofs Gebhard von Salzburg (†1088). Dieser entstammte dem schwäbischen Adel und soll mit Adalbero von Würzburg und Altmann von Passau in Paris studiert haben. Obwohl Gebhard als Hofkaplan, Gesandter und Reichskanzler dem Kaiser verpflichtet war, stand er nach seiner Bischofsweihe auf der Seite von Papst Gregor VII. Dies hatte zur Folge, dass er 1077 von König Heinrich IV. aus seiner Diözese vertrieben und ein Gegenbischof eingesetzt wurde.
Von Gebhard dürfte auch die Initiative zur Klostergründung in Reichersberg ausgegangen sein. Allerdings waren die ersten Jahre von Erbstreitigkeiten Wernhers mit seinem Bruder Aribo geprägt. Als Dietburga 1084 starb, trat Wernher selbst in das Kloster ein, wo sein Todestag, der 5. Oktober, bis heute gefeiert wird. 1086 konnte Bischof Gebhard aus seinem Exil in Sachsen nach Salzburg zurückkehren und Reichersberg unter den Schutz des dortigen Vogts stellen. Dennoch war das Stift auch später mehrmals in Gefahr. So floh der erste bekannte Propst Berwin (1110–1116) sogar mit einem Teil der Chorherren nach Sachsen.
1126 konnte Propst Gottschalk (1122–1132) die romanische Stiftskirche weihen. Unter seinem berühmten Nachfolger Gerhoch (1132–1169) kam ein Frauenkonvent mit einer eigenen, 1138 geweihten Kirche und einem Hospital hinzu. 1160 übertrug Erzbischof Konrad von Salzburg dem Stift die Seelsorge in der Pittener Mark südlich von Wiener Neustadt, wo das Stift bis heute Pfarren betreut. 1142 ersuchte Gerhoch in Rom um päpstlichen Schutz gegen die Übergriffe des Bischofs von Passau. Außerdem erhielt er 1162 einen Schutzbrief von Friedrich I. Barbarossa, fiel aber bald wegen seiner Forderung nach klarer Trennung zwischen Kirche und Reich in Ungnade. So wurde über Salzburg die Reichsacht verhängt und Reichersberg 1167 niedergebrannt. Wieder aufgebaut, wurde das Stift 1624 erneut ein Raub der Flammen. Trotz des Dreißigjährigen Krieges konnte anschließend der bestehende barocke Neubau verwirklicht werden. Aus der alten Kirche blieb neben zahlreichen Grabmonumenten das Marmorrelief der Stifterfamilie erhalten. Es diente ursprünglich als Deckplatte eines Hochgrabes, das bis zum Brand von 1624 vor dem Kreuzaltar in der Mitte der Kirche stand.
Das Relief zeigt Wernher von Reichersberg und seine Gemahlin Dietburga, die gemeinsam ein Modell der romanischen Klosterkirche präsentieren. Ihre Köpfe sind einander zugekehrt – ein berührendes Symbol ehelicher Zuneigung. Hinter Wernher steht der jung verstorbene Sohn in voller Rüstung mit Rennfahne. Sein Harnisch ist mit großer Genauigkeit in allen Details wiedergegeben. Auftraggeber des Reliefs war wohl Propst Bartholomäus I. (1469–1482), der das Hochgrab erwähnte. Er hielt Wernher für einen Nachfahren der Grafen von Plain, deren Wappen (mit zwei Reiherflügeln) links unten am Epitaph dargestellt ist.
Gegenüber ist jenes der Helfensteiner zu sehen, aus deren Geschlecht Dietburga stammen soll. Die lateinische Inschrift lautet übersetzt: Dies ist die Grabstätte der edlen Herren Grafen von Playn, des Herrn Wernher, des ersten Gründers dieser Kirche und seiner berühmten Gemahlin, der Herrin Dietpurg aus hohem schwäbischem Geschlecht entstammend, und des Herrn Gebhard, ihres Sohnes. Ihre Seelen mögen in Frieden ruhen. Amen.
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