Mit dem Mord an Isaías Duarte hat Kolumbiens Kirche einen Friedensvermittler verloren. Der Bischof wurde im ärmsten Viertel von Cali erschossen.
Kurz nach Erscheinen von „El País“ am vorvergangenen Sonntag in Cali war die Tageszeitung vergriffen. Es war nicht nur die tragische Nachricht, dass wenige Stunden zuvor Isaías Duarte Cancino, der Erzbischof der drittgrößten Stadt Kolumbiens, bei einem Schussattentat getötet worden war. Vielmehr löste ein Kommentar, der ebenfalls im Blatt zu lesen war, den Ansturm aus: der Bischof hatte über die Auferweckung des toten Lazarus geschrieben. Der Anschlag vor der Kirche zum „Guten Hirten“ in Calis Armenviertel Aguablanca machte die Betrachtung zum Vermächtnis des 63-Jährigen: „Angesichts der kranken Heimat rufen wir zu Christus: Herr, wir Kolumbianer sind krank von der vielen Gewalt, der Ungerechtigkeit und Bosheit. Dieses Volk, das Du so sehr liebst, braucht zur Gesundung den Wert menschlichen Lebens und seiner Würde. Nur Du kannst ihm die Hoffnung auf eine Zukunft in Frieden zurückgeben.“
Drogenhändler
Als „furchtlosen Verteidiger des Lebens gegenüber Angriffen linker Guerillagruppen wie rechter Paramilitärs“, so beschreibt Juan Carlos Henao den Erzbischof seiner Heimatstadt. Der kolumbianische Menschenrechtsexperte war vergangene Woche in Österreich, um über die Lage Tausender Kindersoldaten in dem südamerikanischen Land zu berichten. Auf die Hintergründe des Mordes von Duarte gefragt, sagte Henao zur Kirchenzeitung: „Erst vor wenigen Wochen, kurz vor den Parlamentswahlen, kritisierte Duarte öffentlich, dass sich Politiker ihren Wahlkampf mit Drogengeldern finanzieren lassen.“ Und erklärend fügt er hinzu: „Wer es mit Drogenhändlern zu tun bekommt, lebt äußerst gefährlich. Ein Menschenleben zählt für sie nichts.“Juan Carlos Hernao denkt vor allem zurück an Duartes Einsatz in der Region Urabá, wo er bis zur Berufung nach Cali als Bischof tätig war. Die Region gilt als eine der konfliktreichsten des Landes. In der Bischofsstadt Apartadó mit rund 100.000 Einwohnern lebten 1995 über 25.000 Flüchtlinge. In jenem Jahr waren dort 1258 Menschen ermordet worden. „Er hat sich für die durch die Gewalt im Land Vertriebenen sehr eingesetzt.“ Eine Aufgabe, der sich Duarte auch seit August 1995 in der einstigen Drogenhochburg Cali stellte. „In Aguablanca, dem Viertel, wo er ermordet wurde, leben die Ärmsten der Armen“, erzählt der Menschenrechtler. „Es ist auch heute nicht selbstverständlich, dass ein Bischof dort hingeht und mit den Menschen Hochzeit feiert“ (dazu rechte Spalte).
Friedensvermittler
Wird sich der Mord am „Apostel des Friedens“, wie Duarte nun in Cali bezeichnet wird, auf die für 26. Mai geplanten Präsidentschaftswahlen auswirken? „Uns droht eine neue Welle der Gewalt“, meint Juan Carlos Henao. „Seit dem Scheitern der Friedensverhandlungen zwischen der Regierung Pastrana und der FARC, der größten Guerilligruppe, wird wieder schwer gekämpft.“ In der nach 38 Jahren Bürgerkrieg erneut ausweglosen Situation fehlt Duartes Stimme. Henao: „Dank seiner großen Glaubwürdigkeit übte er Einfluss auf Friedensgespräche aus. Sowohl die bewaffneten Kräfte als auch die Politiker haben auf ihn gehört.“ In dieser Woche jedoch ist Isaías Duarte Cancino noch einmal in Kolumbien zu hören. Am Karfreitag spricht er über Jesu Worte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“ Radio Caracol hatte die Worte des Erzbischofs noch kurz vor dem 16. März aufgenommen.
Hintergrund
Hochzeit der Allerärmsten
Der Abendgottesdienst des 16. März in der Pfarre zum „Guten Hirten“ war keine gewöhnliche Vorabendmesse. In der Kirche, die sonst 400 Leuten Platz bietet, hatten sich an diesem Samstag an die 1000 Menschen eingefunden, um die Hochzeit von mehr als 100 Paaren zu feiern. Eheleute wie Rosalba Tascón und Raúl Dávila, beide 65, die schon über 44 Jahre zusammengelebt hatten und nun „ihre Liebe heiligen wollen mit dem Segen Gottes“, wie Erzbischof Duarte zu Beginn der Feier erklärte. „So etwas habe ich selber noch nie erlebt. So bin ich gerne gekommen, um jedes Paar einzeln zu trauen.“Bereits seit Monaten hatte Pfarrer Óscar de la Valle die Brautleute im allerärmsten Armenviertel von Cali vorbereitet und ihnen versichert, dass ihnen das Fest nichts kosten sollte. Nach der Zeremonie in der Kirche war die Feier auf den Straßen weitergegangen. Duarte blieb unter den frisch Vermählten und gratulierte ihnen. Gegen 20.30 Uhr begab sich der Erzbischof zu seinem Fahrzeug, kurz darauf hörten die feiernden Hochzeitsgäste die tödlichen Schüsse. Wegen verdächtiger Beobachtungen hatte Duarte noch am Nachmittag um Personenschutz angesucht. Die Polizei hatte nicht reagiert.