Am Montag vergangener Woche trat der Vorstand des Interdiözesanen Amtes für Unterricht und Erziehung zurück. Er fühlt sich durch das Vorgehen von Schulbischof Kardinal Christoph Schönborn „kaltgestellt“.
Am 8. April haben vier diözesane Schulamtsleiter ihre gesamtösterreichischen Funktionen zurückgelegt. Mit Prälat Hans Fink (Feldkirch), Prälat Willibald Rodler (Graz) und Dir. Willi Rieder (Salzburg) trat der von der Schulamtsleiterkonferenz gewählte Vorstand des Interdiözesanen Amtes für Unterricht und Erziehung geschlossen zurück. Außerdem legte Dir. Oswald Stanger (Innsbruck) seine Funktion als Referent für Lehrplan- und Medienfragen in der Schulamtsleiterkonferenz zurück. Alle vier sehen diesen Schritt ausdrücklich als Protest.
Streitfall Lehrplan 2000
Im Hintergrund des Rücktritts stehen Differenzen zwischen Schulbischof Schönborn und der großen Mehrheit der Schulamtsleiter über den neuen Lehrplan für die Hauptschulen und die Unterstufen der Gymnasien. Den aktuellen Anlass sieht der geschäftsführende Vorsitzende des Interdiözesanen Amtes, Hans Fink, „in der Art und Weise, wie Kardinal Schönborn zuletzt öffentlich den Religionsunterricht kritisierte. Das klang so, als ob sich unsere engagierten Religionslehrer nicht bemühten, wichtige Glaubensinhalte zu vermitteln. Und wir protestieren mit diesem Schritt dagegen, dass wir als Schulamtsleiter schwer getäuscht und in einem zentralen Bereich unserer Aufgaben, der Erarbeitung von Lehrplänen, kaltgestellt wurden.“ Der spektakuläre Schritt hat eine längere Vorgeschichte. Als der Staat Mitte der 90er Jahre eine Lehrplanreform für die 5. bis 8. Schulstufe in Angriff nahm, klinkte sich die Kirche auf Betreiben der diözesanen Schulamtsleiter in diesen Reformprozess ein, „damit der Religionsunterricht nicht ins Abseits gerät – was mit der Einbindung des Religionsunterrichtes in das neue Lehrplankonzept insgesamt auch gut gelungen ist“, meint Prälat Fink. In mehrjähriger Arbeit erstellte eine hochkarätige Expertengruppe, die von den Schulamtsleitern in Absprache mit dem damaligen Schulbischof Helmut Krätzl eingesetzt worden war, den neuen Lehrplan. Bei der Debatte in der Bischofskonferenz zeigte sich, dass gegen diesen Lehrplan eine kleine, aber einflussreiche Gruppe um die Wiener Schulamtsleiterin Christine Mann und Erzbischof Schönborn Widerstand leistete. „Der Lehrplan enthielt ihnen zu wenig taxativ festgeschriebene Glaubensinhalte“, meint Fink. Diese Querschüsse sollen 1998 auch zum Rücktritt Krätzls als Schulbischof geführt haben.
Einführung gut angelaufen
Trotz mancher Vorbehalte genehmigte die Bischofskonferenz im März 1999 den neuen Lehrplan. Seit Herbst 2000 ist er in Kraft. Inzwischen gibt es auch zwei Kommentare zum Lehrplan, in denen die inhaltlichen und didaktischen Ansätze ausgebreitet werden. Im Herbst sollen die ersten Schulbücher nach dem neuen Lehrplan herauskommen. „Wir sind jetzt in der Einführungsphase, aber ich höre von den Religionslehreren durchwegs positive Rückmeldungen“, berichtet Fink.Umso erstaunter war der Vorsitzende der Schulamtsleiter im Jänner über einen Brief von Kardinal Schönborn. Darin wurde Fink mitgeteilt, dass die Bischöfe im November beschlossen haben, den Lehrplan 2000 ehestmöglich neu zu fassen. Dazu soll von Schulbischof Schönborn eine Lehrplangruppe zusammengestellt werden.
Rücktritt provoziert
„Dieser Beschluss ist nicht nur ein Misstrauensvotum der Bischöfe gegen ihre Schulamtsleiter. Er widerspricht auch dem Statut des Interdiözesanen Amtes und den bisherigen Gepflogenheiten, dass die Lehrplangruppen von den Schulamtsleitern eingesetzt wurden“, betont Fink. Auf diesen Brief kündigten der Vorstand des Interdiözesanen Amtes und der Lehrplanreferent, Oswald Stanger, ihren Rücktritt an. Schulbischof Schönborn berief daraufhin kurzfristig eine Krisensitzung ein, an der neben den Mitgliedern der Katechetischen Kommission der BIKO (Schönborn, Kothgasser, Alois Schwarz, Abt Lauterer) auch die Bischöfe Kapellari und Küng teilnahmen. Dabei wurden drei Punkte vereinbart: Der Lehrplan 2000 bleibt in Kraft; im Interdiözesanen Amt und bei einem zwei- tägigen Studientag sollen Perspektiven einer zukünftigen Lehrplanentwicklung erarbeitet werden. „Bei der Bischofskonferenz im März wurde entgegen dieser Vereinbarung der Beschluss vom November – etwas abgeschwächt – bestätigt. Ein guter Alternativvorschlag von Bischof Kothgasser, durch eine Evaluierungsgruppe die Einführung des Lehrplans 2000 zu begleiten, kam nicht zur Abstimmung. Uns blieb nur der Rücktritt über“, sagt Hans Fink betroffen.
Die Positionen
Zur Sache
Zum Rücktritt der Schulamtsleiter gab Kardinal Christoph Schönborn keine Auskunft. Zum Religionsunterricht selber erhielten wirfolgende Stellungnahme: „Im Religionsunterricht heute muss es um Lebenshilfe aus dem Glauben gehen. Die Frage ist: Wie können wir am Beginn des dritten Jahrtausends jungen Menschen Antworten auf ihre Fragen nach woher, wohin und wozu des Lebens geben und sie gleichzeitig für das Miteinander in einer multireligiösen Gesellschaft fit machen. Viele Studien sagen uns, dass die Religion ,wiederkehrt‘. Das muss auch in der Konzeption des Religionsunterrichtes seinen Niederschlag finden. Wir müssen wieder deutlicher von Gott, von Christus, vom Evangelium reden.“
Der Lehrplanreferent der Schulamtsleiterkonferenz, Dr. Oswald Stanger, betont, „dass wir alle daran interessiert sind, dass die Schüler über ein bestimmtes Wissen über die christliche Religion verfügen. Die Weitergabe von Glaubenswissen ist aber noch nicht ,Glaubensweitergabe‘. Damit junge Menschen etwas vom Glauben erahnen können, ist die Beziehungsebene zwischen Religionslehrer und Schüler entscheidend.“ Der Schüler in seiner konkreten Lebenssituation dürfe nicht bloß Ausgangspunkt für die Verkündigung sein. Es gehe nicht darum, den Schüler abzuholen und wohinzubringen; er selbst sei der theologische Ort, wo sich lebensrelevantes religiöses Fragen ereignen müsse. Denn Glauben könne der Mensch nur selber lernen, betont Stanger. Der neue Lehrplan 2000 sei der erste theologische Lehrplan, der den Religionsunterricht als Dienst an den jungen Menschen darstellt. Denn der Mensch sei der Weg der Kirche, meinte auch der Papst.