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Datum und Uhrzeit :Mon, 20. Mai 2002 19:39:08 Uhr
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„Geht der Ethik die Luft aus?“ Bei den Reichersberger Pfingstgesprächen diskutierten Politiker, Wissenschafter und Theologen brennende Fragen des Lebens.
Wenn unerträgliche Schmerzen drohen oder wenn die Angst begründet ist, man könnte Angehörigen zu Last fallen, dann würde die Mehrheit der Bevölkerung der Euthanasie, also der ärztlichen Sterbehilfe zustimmen. Prof. Paul Michael Zulehner belegte das bei den diesjährigen Reichersberger Pfingstgesprächen mit Umfragedaten. Holland und Belgien haben den Schritt zur „aktiven Sterbehilfe“ gesetzt. „Geht der Ethik die Luft aus?“, lautete daher die Generalfrage bei den Reichersberger Pfingstgesprächen, zu denen die ÖVP Oberösterreich in das Chorherrenstift am Inn geladen hatte. „Ich bin stolz auf mein Land, dass es einen anderen Weg geht“, meinte Prof. Zulehner. Seit Donnerstag der Vorwoche ist in Österreich die Familien-Pflegekarenz für sterbende Angehörige beschlossen, im Juli tritt sie in Kraft. Es muss etwas getan werden, dass die Menschen „frei“ sterben können, ohne den Tod zu verdrängen – und dass sie bei ihren Ängsten nicht allein gelassen werden.Landeshauptmann Josef Pühringer sprach sich in Reichersberg für weitere begleitende Schritte aus: Es muss eine Regelung gefunden werden, dass auch ärmere Leute das Recht auf Pflegekarenz in Anspruch nehmen können, plädierte er für Weiterverhandlungen. Die Sozialversicherung sollte den Einkommensausfall ausgleichen. Klar äußerte sich Pühringer gegen Vorstellungen, man könnte bei Menschen in der letzten Lebensphase Geld sparen, weil in dieser Phase die Betreuung am teuersten wäre. „Menschliches Leben darf niemals einem Kos-ten-Nutzen-Kalkül unterworfen werden“, unterstrich Pühringer.Chancen und Risiken der GentechnikWichtige ethische Fragen stellen sich auch am Beginn des Lebens. So wertete die Molekular-Biologin Prof. Dr. Christine Mannhalter die Möglichkeiten vorgeburtlicher Genuntersuchungen positiv, wenn sie dazu dienen, bessere Behandlungsmöglichkeiten für eventuelle spätere Erkrankungen zu finden. Die Methoden dürften aber nicht zur „Auslese“, welches Leben Lebensrecht hat, missbraucht werdenMannhalter warnte allerdings auch vor zu hohen Erwartungen: Gentests erlauben nur wahrscheinliche Entwicklungen aufzuzeigen, jedoch keine sicheren Prognosen. Mögliche Krankheiten müssen nicht wirklich ausbrechen. Für die Entwicklung des Menschen wäre noch vieles mehr maßgeblich als die richtigen Gene zu haben. Der Pastoraltheologe Paul Zulehner würde lieber auf die aufwändigen und teuren Methoden künstlicher Befruchtung und die damit zusammenhängenden Probleme verzichten, um die Mittel statt dessen in die lebenserhaltende Forschung zu stecken. Bekanntlich fallen bei künstlicher Befruchtung außerhalb des Mutterleibes auch „überzählige“ Embryonen an. Was mit diesen „auf Eis gelegten“ Embryonen geschehen soll, ist unklar und wirft ethische Fragen auf. Die Reichersberger Pfingstgespräche zeigten die Brisanz des Themas auf, wenn es um das Geld geht. Wie kostbar ist dann das Leben alter, behinderter oder sonstiegen Normen nicht entsprechender Menschen? „Wir werden die gegenwärtigen Gefährdungen nur dann bestehen können, wenn wir zugleich tiefer das Wesen und das Geheimnis des Menschen verstehen lernen“, betonte Abt Wilhelm Neuwirth von St. Florian bereits bei der Eröffnung der Gespräche. Das Wissen allein genüge hier nicht, „so etwas wie Weisheit“ wäre notwendig.
Reden und verhandeln
Zur Sache
Läuft die Forschung der Ethik und der Politik davon?Dazu der Moraltheologe Dr. Eberhard Schockenhoff in Reichersberg der Kirchenzeitung gegenüber:
Die Auswirkungen der wissenschaftlichen Forschung betreffen das Leben von uns allen. Deshalb ist es Aufgabe der Rechtsgemeinschaften, klare Regelungen vorzugeben. Der einzelne Wissenschafter wäre überfordert. Es braucht daher eine breite Übereinkunft über das Fundament, auf dem die Wissenschaft arbeitet Der öffentliche Diskurs hilft dabei, um Werteüberzeugungen in Erinnerung zu rufen.Ein großes Problem besteht darin, dass der wissenschaftliche Fortschritt dermaßen beschleunigt ist, dass die langen Zeiträume, die die Konsensbildung erfordert, nicht ausreichen.
Lassen sich die Entwicklungen überhaupt noch regeln – und was kann auf regionaler Ebene geschehen?
Internationale Vereinbarungen mit völkerrechtlichem Charakter – wie die Europäische Bioethik-Konvention - haben den Vorteil, dass Mindeststandards gehoben werden. Unter diese Standards kann kein Land mehr zurückgehen. Diese Fragen könen aber nicht nur auf der Ebene des Völkerrechts bleiben. Wir müssen das Gespräch auf allen Ebenen führen – in der Politik, auf Landesebene, in den Schulen, in Bildungshäusern. Sie brauchen Rückhalt der Gesellschaften.