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Was lässt Paare zögern vor dem Traualtar?

Initiativen für Ehevorbereitung und Ehebegleitung
Ausgabe: 2002/28, Thema, Paare, Hochzeit, Traualtar, Scheidung, Ehesakrament, Sakrament, Standesamt, Standesbeamter, Ehe, Liebe
09.07.2002
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Die Ehesakrament ist in der Krise. Um das zu behaupten, muss man kein Unglücksprophet sein. Ein Blick auf die Zahlen genügt. Im Jahr 2001 traten in Ober-österreich 2.796 Paare vor den Traualtar, im Jahr davor waren es noch 3.504 Paare, 1990 gar noch 5.005.

Ähnlich dramatisch ist der Rückgang der standesamtlichen Ehen. Das statistische Amt Oberösterreichs weist für 2001 5.370 Eheschließungen aus, davon 3.749 Erst-Ehen. Im Jahr zuvor gaben sich 6.525 Paare vor dem Standesbeamten das Ja-Wort (4.720 Erst-Ehen), 1990 waren es 7.078 (5.560 Erst-Ehen). Nimmt man die Erst-Ehen vor dem Standesamt als Basis für mögliche kirchliche Eheschließungen, ergibt sich eine beachtliche Differenz. Warum trauen sich immer weniger Paare vor den Traualtar? – Die sinkende Zahl der Eheschließungen bereitet auch Österreichs Bischöfen Kopfzerbrechen. In ihrer jüngsten Konferenz haben sie ein Förderungspaket für Ehe und Familie angeregt.


Damit Ehe Zukunft hat


Große Bemühungen um Ehevorbereitung und Ehebegleitung


Die Zahl der Eheschließungen geht zurück, die der Scheidungen steigt. Gegen diesen Trend gibt es in der Kirche viele Bemühungen, die Lust auf Ehe machen und helfen, Beziehungen gut zu leben.

„Wir trauen uns“ und „Zukunft mit Dir“ – mit dieser positiven Botschaft wendet sich das Forum „Beziehung, Ehe und Familie“ der Katholischen Aktion an junge Paare. „Wir wollen in einer Zeit der Vorläufigkeiten und Unsicherheiten den jungen Leuten Mut zur Ehe machen; wir sehen darin aber auch eine Herausforderung, die Paare bestmöglich zu begleiten“, sagt Brigitte Ettl vom KA-Forum.

Neue Wege gesucht


In den letzten Jahren haben fast alle Diözesen große Anstrengungen unternommen, um die Ehevorbereitung neu zu gestalten. Viele Kursmodelle wurden auf Methoden umgestellt, bei denen die Teilnehmer/-innen aktiv eingebunden werden. „Wir wollen den Paaren nicht ein starres, vorgegebenes Programm aufs Auge drücken, sondern wir wollen, dass ihre Erfahrungen und Bedürfnisse zur Sprache kommen und ihre Ressourcen genutzt werden“, sagt Toni Zehetgruber vom Familienreferat in St. Pölten. Dort gibt es zwei rührige Arbeitskreise, die sich um neue Wege in der Ehevorbereitung und um kreative Veranstaltungen in der Ehebegleitung bemühen. Ihre Ergebnisse tragen auch in anderen Diözesen Frucht. „Unser Ziel ist es“, so Zehetgruber, „die Fähigkeit und die Lust der Paare zu fördern, in der Ehe über Beziehungsfragen immer wieder zu reden und sich auch mit anderen Paaren auszutauschen. Außerdem sollen sie die Kirche als stützende und begleitende Gemeinschaft erfahren, die an ihrem Leben Anteil nimmt.“ Um den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, gibt es in den Diözesen ein breites Angebot an Ehevorbereitungsseminaren – von einem achtmonatigen Vorbereitungsweg bis zu einem halben Tag (s. Kasten). In die Aus- und Fortbildung der Referenten, meist Ehepaare oder Berater/-innen, wurde in den letzten Jahren viel investiert.Auch in der Ehebegleitung gibt es viele neue Initiativen, um die Paare zu gewinnen, etwas für ihre Beziehung zu tun. Dabei zeigt sich, dass mehrtägige Seminare und die bewährten Familienrunden heute wenig gefragt sind. Gut angenommen hingegen werden kurze Seminare für Paare wie „Ein Tag für uns“ (Feldkirch) oder regionale Veranstaltungen mit mehreren Abendterminen („Beziehungstankstellen“ in St. Pölten). Gefragt sind auch Angebote, die nicht gleich eine kirchliche Punze tragen (z. B. Abende zu Beziehungs- und Erziehungsthemen, zu Alltagsritualen) oder erlebnisorientierte Veranstaltungen. „Das gibt uns Gelegenheit, Geschmack auf mehr zu machen“, meint Ingrid Holzmüller aus Feldkirch.

Maß für lebendige Pfarre


„Für die Ehebegleitung ganz entscheidend ist es, ob sich die Seelsorger und Pfarrgemeinden dafür einsetzen und auch die nötigen Sensoren für schwierige Situationen haben“, meint Rolf Sauer aus Linz. „Wie lebendig eine Pfarrgemeinde ist, zeigt sich darin, ob und wie Ehe- und Beziehungsfragen in ihrer Verkündigung, in ihrer Liturgie und in ihre Sorge um die Nächsten (Diakonie) berücksichtigt werden. Denn dabei geht es um das Leben der Menschen und das sollte in der Kirche erste Priorität haben.“

Hans Baumgartner


ÜBERBLICK


Vom Traualtar ins Eheleben


Die Diözese Innsbruck hat in den letzten Jahren viel in die methodische und inhaltliche Aus- und Weiterbildung der Referenten/-innen zur Ehevorbereitung investiert, betont Gottfried Lamprecht. Er leitet die Abteilung für Familie und Lebensbegleitung im Pastoralamt. Derzeit gibt es drei verschiedene Angebote, alle sind als Seminare mit aktiver Beteiligung der Paare gestaltet: die Brautleutetage (Fr–So) im Bildungshaus St. Michael; die Wochenendseminare (8 bis 10 Stunden, zweitägig) in den Dekanaten und ein Abendseminar in Innsbruck. Abgesehen von den gefragten Brautleutetagen sind vor allem die Kurzformen gefragt, bedauert Lamprecht. „Wir müssen – auch bei den Priestern – noch mehr Verständnis für eine intensivere Ehevorbereitung schaffen.“

Die „Tankstelle“ ist ein Materialpaket zum Ausleihen für Lehrer und Gruppenleiter für ein Wochenende zu „Partnerschaft, Sexualität und Liebe“ für Jugendliche (KJ od. RPI)Zur Ehebegleitung bietet die Abteilung u. a. Kommunikationsseminare für junge (EPL) und ältere Paare. Kaum mehr gelingt die Gründung neuer Familienrunden. Besser gehen Workshops (gemeinsam mit dem Familienverband) zu Kommunikation in der Beziehung, zu Ritualen in der Familie oder Spielnachmittage. Gefragt sind, so Lamprecht, sprituelle Angebote wie in der Familie Weihnachten od. Ostern feiern oder das Thema „Trauer um mein Kind“.

Viel Zuspruch hat das Angebot von Familienurlauben, auch weil durch die Landesförderung manche mitfahren können, die es sich sonst nicht leisten könnten.

Alle Informationen: Abteilung Familie, Riedgasse 9, 6020 Innsbruck,
Tel. 0512/22 30-514;
E-Mail: abtlg. familie@dioezese-innsbruck.at


Auf die Fragen der Paare eingehen


Eheseminare sind keine lästige Pflicht. 90 Prozent der Brautpaare würden sie weiterempfehlen. Das ergab eine Untersuchung der Diözese Graz.

Im Jahr 1999 hat die Diözese Graz nach dreijähriger Vorbereitung ihre Ehevorbereitungskurse umgestellt. „Da viele Paare bereits eheähnliche Erfahrungen haben, und das Alter der Brautpaare deutlich angestiegen ist, war es notwendig, die Ehevorbereitung darauf abzustimmen“, meint Johannes Ulz vom Familienreferat der Diözese Graz. Bei der Neugestaltung hat man auf ein Seminarmodell der Diözese St. Pölten zurückgegriffen. Die bis dahin üblichen Vorträge wurden durch viele Elemente der aktiven Beteiligung der Betroffenen ersetzt (ergänzt). „Diese Seminarform hat aber nur dann einen Sinn, wenn auch die Kurzversion des Eheseminars mindestens einen Tag (acht Stunden) dauert“, betont Ulz. Trotz mancher Bedenken, die Aufstockung von einem halben auf einen ganzen Tag könnte manche abschrecken, wurde die neue Form als verpflichtend für die ganze Diözese eingeführt. Damals wurde auch beschlossen, diesen Schritt nach drei Jahren zu überprüfen. Eine flächendeckende Studie, die letztes Jahr mit Hannes Tropper (Diplomarbeit) durchgeführt wurde, habe den Umstieg bestätigt, „mehr als wir gehofft hatten“, meint Ulz.

Test für Eheseminare


Die Untersuchung ergab, dass, 87 Prozent der Paare, die am Eintagesseminar teilgenommen haben, dieses weiterempfehlen würden. Noch mehr angetan (95%) waren die Teilnehmer an längeren Eheseminaren (ein Wochenende). Sie meinten auch am öftesten, dass das Seminar zu kurz sei. Ausgezahlt haben sich auch die intensiven Schulungen der Referentenpaare: 72 Prozent der Teilnehmer/-innen waren mit ihnen sehr und 24% ziemlich zufrieden. Besonders angekommen sei hier, so Ulz, die Praxis in zwei Dekanaten, wo alle Paare von den Referenten bereits vor dem Seminar angeschrieben wurden. Auch das Bemühen um eine gute menschliche Atmosphäre, um ein offenes Gesprächsklima und um freundliche Seminarräume wurde von 90 Prozent äußerst positiv bewertet. Trotz der sehr unterschiedlichen Erwartungen der Teilnehmer/-innen sind die angebotenen Themen durchwegs gut angekommen (siehe Grafik). Die Spitzenreiter sind Kommunikation und Konfliktlösung in der Partnerschaft.

Angesichts der Tatsache, dass nur 14 Prozent der Teilnehmer/-innen eine enge Kirchenbindung haben, sei der Wunsch, mehr über den Ablauf des Trauungsgottesdienstes zu erfahren, verständlich, meint Ulz. „Aber wir wollen die Pfarren bewusst nicht aus der Ehepastoral entlassen.“ Eingehend besprochen bei den Seminaren werde hingegen die Eheschließungsformel. „Wenn man an ihr das Sakrament der Ehe erläutert, stößt man meist auf großes Interesse.“Viel Sensibilität erfordere die Ausgangslage, weil es hier eine deutliche Diskrepanz zwischen der kirchlichen Lehre und der Praxis gebe, meint Ulz. 92 Prozent der Paare leben bereits vor der Trauung zusammen, 42 Prozent haben Kinder. „In dieser Situation ist es wichtig, dass wir die Verantwortung, in der die Paare ihre Beziehung leben, ernst nehmen und ihnen Hilfestellungen für ihre Ehe und eine christliche Lebensführung anbieten. Wenn wir das hinüberbringen, können Eheseminare auch zu einer neuen, positiven Kirchenerfahrung werden“, betont Ulz.

Hans Baumgartner


DAS INTERVIEW mit Bischof Dr. Klaus Küng, Referent für Ehe und Familie der Österreichischen Bischofskonferenz.


Ehe und Familie im Blick


Bei der letzten Bischofskonferenz war die Ehe- und Familienpastoral ein Schwerpunkt. Was wurde beschlossen?

Küng: Wir haben uns darauf verständig, dass es angesichts des gewaltigen Wandels in der Gesellschaft und in der Lebensweise der Menschen notwendig ist, das Augenmerk der Seelsorge insgesamt verstärkt auf die Förderung christlicher Ehen und Familien zu legen.

Welche konkreten Schritte sind geplant?

Küng: Als erste Etappe ist die Erarbeitung eines Leitbildes für die Ehevorbereitung geplant. Hier wollen wir bis Herbst einmal sammeln, was es derzeit von den verschiedenen, damit befassten Einrichtungen an Angeboten gibt und wo neue, interessante Ansätze sind. In einem weiteren Schritt sollen einerseits Mindeststandards formuliert werden, die zu jeder Ehevorbereitung unbedingt gehören, und andererseits Modelle entwickelt werden, die in längeren Vorgängen die entfernte und nähere Ehevorbereitung verbessern. Mir ist wichtig, dass wir ein realistisches und gleichzeitig anspruchsvolles Programm entwickeln. Dabei wird es auch um die Weiterbildung der Priester gehen. Ich denke hier an die Aufwertung der Brautgespräche ebenso wie an eine Förderung des Bewusstseins dafür, dass den Pfarren die Ehevorbereitung ähnlich wichtig wird wie die Erstkommunion- und Firmvorbereitung.

Bis wann soll es die neuen Leitlinien geben?

Küng: Ich hoffe, dass es bis Frühjahr 2003 einen Grobentwurf gibt. Der soll von allen Beteiligten gründlich diskutiert werden. Zum UNO-Jahr der Familie 2004 könnte dann das neue Leitbild beschlossen werden.

Und die Pläne für die Familienpastoral?

Küng: Wir brauchen eine Umorientierung der Seelsorge insgesamt auf die christliche Familie hin. Das ist eine Zukunftsfrage. Wir müssen den Familien mehr Hilfen anbieten, wie sie Partnerschaft und Erziehung gestalten können und zu Zellen des Glaubens werden. Dafür gibt es eine Reihe guter und auch neuer Ansätze. Sie sollen in einem Leitfaden für die Pastoral zusammengefasst werden. Ebenso sollten darin gewisse Standards, was eine Pfarre, eine Region oder Diözese anbieten soll, formuliert werden.

Hans Baumgartner


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