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Impulse der Religionen sind für Europa gut

Ökumenische Sommerakademie zeigt Aufgabe der Relgionen auf
Ausgabe: 2002/29, Sommerakademie, Bischof, Bünker, Elyas, Religion, EU, Europa, Impulse, Bischof, Aichern
16.07.2002
- Matthäus Fellinger
„Wir sind überzeugt, dass es der Gesellschaft manchmal gut tut, wenn sie eine geistige Anregung von den Religionen erhält.“ Was Bischof Maximilian Aichern bei der diesjährigen Sommerakademie in Kremsmünster ausdrückte, wurde auch von den Experten bestätigt. In den großen „Buchreligionen“ Judentum, Christentum und Islam gibt es starke humane Kräfte, die auf gegenseitige Achtung unter den Religionen und auf ein vernünftiges Miteinander setzen. Religionen sollten so nicht Zündstoff in weltpolitischen Konfliktherden sein, sie tragen viel mehr Menschlichkeit in die Welt hinein.

Im Stift Kremsmünster haben Vertreter der Religion vor allem aufeinander hingehört. Beim Weiterbau Europas wird das Verhältnis zu den Religionen als eine der vier wichtigsten Säulen gesehen, betonte Dr. Michael Weniger als Berater des Präsidenten der EU-Präsidenten in Brüssel. Eine Chance für die Religionen – und eine Verantwortung.


Was wäre Europa ohne die Religionen?


Ökumenische Sommerakademie fragte nach „Staat und Kirche“


Europa braucht seine Religionen und Kirchen – damit der Kontinent nicht in die Hand der Technokraten fällt.

Um das mitunter brisante Verhältnis von Religion und Politik, von Kirchen und Staat ging es bei der 3. Ökumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster vom 10. bis 12. Juli – werden doch zahlreiche Konfliktherde der Politik mit Religionen in Verbindung gebracht. Vor allem seit dem 11. September 2001 – dem Anschlag auf das World Trade Center – ist das Verhältnis zur muslimischen Welt Belastungen ausgesetzt.

Europa ohne Religionen – für den Hauptberater in Sachen Kirchen und Weltanschauungen in der Europäischen Union, DDr. Michael Weninger, schlicht unvorstellbar. Der Dialog mit den Religionen und Weltanschauungen wird zur Zeit als eines der vier Hauptthemen der Union gesehen. Und deshalb fordert Weninger eine eigene Anlaufstelle für Religionsangelegenheiten in Brüssel.

Die katholische Kirche hält Weninger von ihrer Struktur her für am besten gerüstet, in Europa entsprechend aufzutreten. Allerdings – fügt er im Gespräch mit der Kirchenzeitung hinzu – muss sie die Reformbestrebungen des Zweiten Vatikanischen Konzils auch umsetzen.

Für eine „Modernisierung“ der Religionen sprach sich der evangelische Religionspädagoge Dr. Rolf Schieder aus. Er meint damit die Bereitschaft zum Dialog. Jede Religion müsse sich bewusst sein, dass sie die Wahrheit nicht auf Erden schon „besitzen“ kann. Und selbstverständlich müsse den Religionen auch die Religionsfreiheit sein. In diesem Sinn „moderne“ Religionen bedeuteten für Europa eine Hoffnung gegen die oft zynischen Auswüchse einer bloß pragmatischen Politik.

Eine deutliche Unterscheidung zwischen Kirchen oder Religionen einerseits und dem Staat oder der Politik anderseits hielten die Vertreter der Religionen in Kremsmünster für notwendig.

Univ.-Prof. Daniel Schwarz aus Jerusalem befürwortet dies auch für das Judentum: Israel als Gottesstaat zu sehen oder zu fordern, lehnt er ab – wie er meint mit der Mehrheit der Israelis. Man könne anderen nicht das Judentum aufzwingen oder sie als zweitklassige Menschen sehen.

Auch Dr. Nadeem Elyas, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland, betonte: Muslime hätten sich in den Ländern, in denen sie nicht in der Mehrheit lebten, den Gesetzen dieser Länder zu unterwerfen. Sie sollten dort ihre Religion ausüben, es gelte aber nicht islamisches Recht, sondern das Recht des jeweiligen Landes. Verfolgungen oder Behinderungen von Christen, etwa in Saudi-Arabien oder im Sudan, sieht Elyas nicht in der Religion, sondern in der Politik dieser Länder begründet.

Dr. Gudrun Krämer vom Islamistik-Institut der Freien Universität Berlin ortete jedoch einen gewissen „Überlegenheitsanspruch“ des Islam, in dem Angehörige anderer Religionen als „Abtrünnige“ oder „Abgefallene“ gelten. Sie mahnte allerdings auch Respekt vor den Muslimen ein – „Respekt, der diesen derzeit vorenthalten“ würde.

Insgesamt bewertet Dr. Gudrun Krämer das Verhältnis der Religionen zueinander positiv: Bei Christen, Juden und Muslimen stellt sie weltweit ausgeprägte starke humanistische Strömungen fest. Diese würden in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen. In den Grundwerten hätte man sich weitgehend verständigt, auch wenn Angst und Misstrauen bei anderen noch vorhanden wären.

Matthäus Fellinger

Von der Sommerakademie berichten die Sendungen „Logos“ am 20. Juli und 3. August, jew. Ö1, 19.05 Uhr.


W Ö R T L I C H


„Politisches Handeln ist Teil jeder göttlichen Botschaft. Jeder Prophet verstand sich nicht nur als Verkünder des Glaubens, sondern auch als Verbesserer und Erneuerer der Gesellschaft. “

Dr. Nadeem Elyas, Zentralrat der Muslime in Deutschland


„Wir wollen, dass der Glaube in Europa gesellschaftlich geschützt und geachtet wird.[ . . .] Mit dem offenen Verhältnis zu allen Parteien ist die katholische Kirche seit dem Mariazeller Manifest 1952 nicht schlecht gefahren. Wo Grundwerte berührt sind, meldet sich die Kirche zu Wort.“

Maximilian Aichern, Bischof von Linz


„Ein Europa, welches die humanen Werte negieren und die spirituelle Dimension aus dem Blick verlieren würde, liefe Gefahr, ein tragisches Produkt von pervertierten Technokraten zu werden.“ Dr. Michael Weninger, EU-Kommission „Die Kirchen sind herausgefordert: Wie politikfähig sind ihre Positionen? Wir Evangelische bringen uns ein, dass es in Richtung Gerechtigkeit, Friede, Nachhaltigkeit und Bewahrung der Schöpfung geht.“

Dr. Michael Bünker, Oberkirchenrat


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