Oberösterreichs Jugendliche als „Missionare auf Zeit“
„Mitleben, mitbeten, mitarbeiten in einer anderen Kultur“
Ausgabe: 2002/29, Missionare auf Zeit, Missionare, Jugend, Jugendliche, Dritte Welt, Kultur, Kirche, Sommer
17.07.2002
- Walter Achleitner
Sie freuen sich schon auf das, was sie in der „Dritten Welt“ erwartet: acht junge Menschen aus Oberösterreich sind aufgebrochen um während der Sommermonate oder ein ganzes Jahr lang an sozialen Projekten von Ordensgemeinschaften mitzuarbeiten. Der Einsatz steht unter dem Motto: „Mitleben, mitbeten, mitarbeiten in einer anderen Kultur“.
Wie ein Kind geführt
Als 17-Jährige ist Sr. Olivia 1935 erstmals nach Kolumbien aufgebrochen
Sie setzt alles auf eine Karte: das Urvertrauen in Gott. Wie sie dabei geführt wird, hat Sr. Olivia Osl besonders in Kolumbien erfahren. „Willst zu den Wilden gehen?“, erinnert sich Sr. Olivia noch heute an die abschreckende Frage ihres Vaters. Und detailliert schildert sie den Augenblick des Jahres 1932, als der Briefträger mit der Antwort aus dem Kloster Gaißau in die Stube kam und der geheime Plan der 14-Jährigen aufflog. Ein Afrikamissionar hatte in der Volksschülerin aus Angerberg im Unterinntal die Begeisterung geweckt. Sozusagen zur Prüfung, ob die Tochter genug Mut für den Schritt habe, musste sie alleine von Innsbruck ins Kloster am Bodensee fahren. „Ich war zwar immer etwas selbständiger. Aber das hat mir der liebe Gott gegeben, sonst hätte ich ja nicht den Mut gehabt“, glaubt Sr. Olivia. „Seit damals habe ich die Führung Gottes so gespürt, wie ein kleines Kind, das man an der Hand nimmt.“Ungewohnt klingt dieses Vertrauen. Doch viele außergewöhnliche Geschichten hat die Franziskaner Missionsschwester von Maria Hilf in den 67 Jahren seit ihrer ersten Ankunft in Kolumbien erlebt. Heute lebt sie in Medellin, das vom Elend des Bürgerkriegs gezeichnet ist. In den letzten drei Jahren hat sich wegen der Flüchtlinge die Einwohnerzahl auf vier Millionen nahezu verdoppelt.
Überraschung per Post
Auf über 500.000 werden alleine die Straßenkinder in Medellin geschätzt. „Was wir tun können ist wie der Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Sr. Olivia. Ihre Stiftung „Massabiel“, benannt nach dem Felsen im Wallfahrtsort Lourdes, aus dem plötzlich Wasser floss, bietet Straßenkindern eine Arbeit und die Chance, neu ins Leben zu starten. „Wir fragen nicht nach ihrer Vergangenheit. Sie sollen sich wie in einer Familie fühlen.“ 1992 wurde dafür ein Bauernhof erworben. Was Sr. Olivia jedoch damals nicht wusste: Auf der einst trockenen Finca befindet sich seit einem Blitzschlag in der Nacht zum 4. Mai 1946 eine wundersame Quelle. Die arme Bauernfamilie hatte in ihrer Not Gott um Hilfe gerufen. Nach wie vor sprudelt das reinste Wasser der Region. Inzwischen bietet es, statt Geflügelzucht und Wachteleier, 16 Ex-straßenkindern eine Anstellung – bis sie nach einigen Monaten eine Arbeit finden. Und für Dutzende weitere ist der Verkauf des Wassers einziger Überlebensquell. In schwierigen Zeiten wie jetzt, wo ein Erdbeben und heftige Regenfälle der vor 150 Jahren aus Lehmziegeln erbauten Finca zusetzen, „verliere ich keine Stunde Schlaf. Ich weiß: es ist Gottes Werk und er hat mich hier hergestellt. Ich sage dann zu Ihm: ,Wenn es nicht mehr weiter geht, dann ist das Deine Sache!‘“ Wie im Februar vor drei Jahren, als sie rief: „Lieber Gott, ich habe kein Geld für die Löhne. Du aber hast gesagt, es ist himmelschreiende Sünde, Arbeitern den verdienten Lohn nicht auszuzahlen.“ Tags darauf rief sie der Postmeister an, es liege ein dickeres Kuvert im Fach. Ein Förderer aus Bregenz hatte exakt jene Summe geschickt, die fehlte: 2500 Euro in Bar – „und das ist angekommen, sogar in Kolumbien!“
Vom Geschenk überzeugt sein
Interview
Ist „missionarische Berufung“ nur etwas für Spezialisten?
Weber: Mission hat sich in vergangenen Jahrhunderten leider immer stärker zu einer ausschließlichen Aufgabe der Missionsorden entwickelt. Zudem war sie oft auch sehr national und kolonialistisch geprägt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat uns sehr deutlich daran erinnert, dass jede und jeder Getaufte und Gefirmte eine Verantwortung für den missionarischen Sendungsauftrag der Kirche trägt. Seither sind tatsächlich viele Laien hinausgegangen und haben mitgeholfen, dass die missionarische Aufgabe der Pfarrgemeinden sehr konkrete Form angenommen hat. Viele Solidaritäts- und Missionsgruppen sind so entstanden. Weil Mission heute schwieriger geworden ist und Fachkräfte braucht, sind gerade auch die Missionsorden auf neue Art und Weise gefordert.Wie kann man diese missionarische Verantwortung wahrnehmen, auch wenn man sich nicht unmittelbar für den Einsatz in der Weltkirche berufen fühlt?
Weber: Ausgangspunkt der missionarischen Berufung ist die Erfahrung, dass mir im Glauben etwas geschenkt wird, das es weiterzugeben gilt. „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4,20). Im Hinstehen für das, was meinem Leben Sinn und „Qualität“ verleiht, und im Einsatz für jene, für die sich sonst niemand einsetzt, bewahrheitet sich überall die Mission der Christen.
In die Mission, oder es droht das Aushungern
Immer mehr junge Menschen werden zu „Missionaren auf Zeit“. Dabei gewinnen sie Erfahrungen, die nicht nur für den weiteren persönlichen Weg bedeutend sind.
„Gott hat sich auch meiner nicht so frommen Interessen bedient, um mich für den Einsatz als Missionar zu begeistern“, erzählt Andreas Holl. „Ein Schuss Abenteuerlust und die Begierde, Neues kennen zu lernen“, hätten ihn auch nach Bolivien geführt, meint der 37-Jährige ungeniert. Und „es war der Wunsch, mit den Armen zu leben und von ihnen zu lernen“, sagt der Franziskaner aus der Tiroler Provinz. Seit drei Jahren ist P. Andreas nun in einer Pfarre mit 100.000 Gläubigen tätig. Sie liegt am Rand der Millionenstadt Santa Cruz im Tiefland von Bolivien. Weitere 29 Österreicher/-innen stehen derzeit im Dienst der Kirche des Andenstaates. Weltweit sind es 413 Ordensleute und Priester, die aus Österreich in allen Kontinenten tätig sind (dazu Grafik rechts). Ein Viertel von ihnen (110) kommt, wie P. Andreas, aus der Diözese Linz. Überraschendes Detail: In Afrika, meist als der „vergessene Kontinent“ bezeichnet, sind fast eben so viele eingesetzt wie in Südamerika. Und die Länderliste wird sogar von Südafrika angeführt vor Brasilien und Bolivien. Noch vor drei Jahrzehnten konnten die 73 in Österreich tätigen Missionsorden pro Jahr mehreren ihrer Mitglieder das „Missionskreuz“ vor der Erstausreise übergeben. Sr. Maria Pacis Vögel aus Schwarzenberg, eine der 272 weltweit tätigen Ordensfrauen, kam vor 30 Jahren nach Kenia. Die Wernberger Missionsschwester erinnert sich: „In meiner Heimatkirche, wo meine Berufung in der Taufe grundgelegt wurde, erhielt ich das Missionskreuz. Das Bewusstsein, dass ich von der Ortskirche in die Weltkirche gesandt wurde, und der Beweis, dass die Pfarre voll und ganz hinter mir steht, hat mir in schwierigen, menschlich aussichtslosen Situationen unglaublich Halt, Zuversicht und Mut gegeben.“
Lebensweg klären
Heute haben diese Sendungsfeiern jedoch fast Seltenheitswert. Anders hingegen verläuft der Trend für befristete Einsätze von Laien. Ob als Entwicklungshelfer/ -in über Horizont 3000 (früher ÖED), Missionar/-in auf Zeit oder als Zivildiener – das Interesse für einen mindestens zwölfmonatigen Freiwilligeneinsatz wird immer größer. 108 vorwiegend junge Menschen sind derzeit eingesetzt. 21 weitere wurden Ende Juni von der Organisation „Jugend Eine Welt“, die den Salesianern Don Boscos nahe steht, feierlich ausgesandt. In den nächsten Wochen reisen sie zu den Projekten in Mexiko, Ecuador, Ghana oder Kenia. Zu den wesentlichen Motiven, warum junge Frauen und Männer sich für „Missionar/-in auf Zeit“ (MaZ) interessieren, zählt Sr. Magdalena vor allem den Wunsch nach einer intensiven Begegnung mit einer anderen Kultur, die Möglichkeit, Fähigkeiten und Wissen weiterzugeben, sowie die Chance, sich auf dem persönlichen Lebensweg neu zu orientieren. Denn nahezu alle Interessenten, so die Steyler Missionsschwester, haben bereits eine längere Berufserfahrung hinter sich. Die „religiöse Dimension“ und der enge Kontakt zu den Steyler Missionsschwestern und Missionaren sei für viele ein weiteres wichtiges Element. Dafür hängen jedes Jahr bis zu zehn Personen ihren Beruf an den Nagel, werden MaZ und zahlen dafür rund 3600 Euro (50.000 Schilling) für Flug, Versicherung und Nebenkosten.
Lerngemeinschaft werden
Vom MaZ-Motto „mitleben, mitbeten, mitarbeiten in einer anderen Kultur“ ist Sr. Magdalena überzeugt, profitieren nicht nur die jungen Menschen. Sie sammelte erste Erfahrungen mit MaZ während ihres Philippineneinsatzes. „Es waren tolle und engagierte junge Leute. Vor allem wie sie trotz anfänglicher Sprachschwierigkeiten auf die Menschen zugegangen sind.“ Letztendlich ist in den meisten Fällen ein derartiger Einsatz für beide Seiten ein Gewinn, urteilt die Ordensfrau, die seit 1994 bereits 53 MaZ-Einsätze in Österreich vorbereitet und begleitet hat. Sr. Magdalena: „Die Erfahrungen machen sie wach für soziale Anliegen, speziell gegenüber Ausländern. Und viele engagieren sich nach ihrer Rückkehr in der Pfarre oder einer Gruppe.“Die Erfahrung der Weltkirche als eine Lerngemeinschaft, das ist auch für den Comboni-Missionar Franz Weber ein Resultat seiner neunjährigen Tätigkeit in Brasilien. Der Innsbrucker Pastoraltheologe versteht Mission als „Weitersagen des Glaubens“ und als „Begegnung mit dem kulturell Anderen“. Deshalb sei es wichtig, die missionarische Berufung aller Gläubigen wieder stärker zu betonen (Interview linke Seite). Weber: „Die österreichische Kirche, die sich in den letzten Jahrzehnten oft erschreckend um ihre eigenen Probleme gedreht hat, braucht ganz dringend den Weitblick. Deshalb sollten Ordenschristen, Priester oder Laien, die in einer Ortskirche des Südens tätig waren, ihre Mitchristen dazu ermutigen, auch im eigenen Land Grenzen zu überschreiten und Brücken zu bauen. Sonst igeln sich Gesellschaft und Kirche bei uns immer mehr ein und werden zur Festung, in der Kultur und christlicher Glaube sich selber aushungern.“