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Computer öffnet neue Welten für Behinderte

Behinderte Menschen fordern ihr Recht auf Berufsausbildung
Ausgabe: 2002/30, Behinderte, Computer, Lebenswelt, Miesenberger
23.07.2002
- Hans Baumgartner
Eine Möglichkeit, behinderten Menschen eine neue Welt zu öffnen, ist die Arbeit mit dem Computer. An der Universität Linz hat mit seiner Hilfe ein Querschnittgelähmter sein Studium in Rekordzeit abgeschlossen. Mit dem Computer ist es auch möglich, Wissen von der Tafel in die Sprache von sehbehinderten Studierenden zu übersetzen.

Fast die Hälfte aller behinderten Kinder besuchen heute integrative Schulen. Sie werden gemeinsam mit nicht behinderten Kindern in Volks- und Hauptschulen unterrichtet. 54 Prozent der behinderten Kinder besuchen Sonderschulen.

Nach der Pflichtschule ist es mit der Wahlfreiheit vorbei. Die Eltern möchten vor allem eine Öffnung der Berufsschulen für behinderte Jugendliche, wo diese zumindest Teilbereiche erfolgreich abschließen könnten. Das würde ihren Einstieg in das Berufsleben oder die Weiterbildung in Projekten erheblich erleichtern. Es gibt dafür auch positive Beispiele.


Viel fürs Leben gelernt


Von der Volksschule an mussten die Eltern um Integration kämpfen


Es war oft ein mühevoller Hürdenlauf und eine unwürdige Bittstellerei, sagt Annemarie Stemmer. Dabei wollte sie nur, was es laut Gesetz gibt, die Integration ihrer Rita.

Für die Schulbehörde war Rita Stemmer aus Regau ein Fall für die Schwerstbehindertenklasse der Sonderschule. Sie wurde mit Down-Syndrom geboren. Ihre Eltern waren nach vielen Gesprächen zur Überzeugung gelangt, dass eine Integration in die Regelschule für Rita besser wäre. Sie fanden weitere Eltern im Schulbezirk Vöcklabruck, die für ihre behinderten Kinder ebenfalls diesen Weg gehen wollten. „Damals“, so erinnert sich Annemarie Stemmer, „begann die erste Runde im Kampf um die schulische Integration unserer Kinder. Wenn ich heute sehe, was Reini, Rita und Tobias in den zwölf Jahren seither für Fortschritte gemacht haben, was sie gelernt und wie sie sich zu erstaunlich selbständigen Jugendlichen entwickelt haben, dann würde ich jederzeit wieder kämpfen.“ Wenn sie auf die Hindernisse schaut, die sie in den letzten zwölf Jahren überwinden mussten, gesteht Annemarie Stemmer: „Wahrscheinlich hätten wir aufgegeben, wenn wir drei Familien uns nicht immer wieder gestützt hätten. Und wir hatten beim Start das große Glück, dass eine Gruppe von Eltern nicht behinderter Kinder ebenfalls wollte, dass es an der Volksschule Vöcklabruck eine Integrationsklasse gibt. Sie haben das Projekt auch in den folgenden Jahren mit großem Engagement mitgetragen.“ Der Übertritt von Tobias, Reini und Rita in die Hauptschule war erneut eine Kraftanstrengung und eine zum Teil unwürdige Bittstellerei, erinnert sich Annemarie Stemmer. „So etwa sagte uns eine Hauptschuldirektorin, sie könne warten, bis diese Modeerscheinung (Integration) vorbei sei. Aber wir fanden auch hier eine Schule, die für unser Anliegen offen war, und wo sich Lehrer/-innen wirklich toll engagierten, um das Beste in unseren Kindern und ihren nicht behinderten Klassenkolleg/-innen zu wecken.“

Nach der Pflichtschule waren die Eltern erneut auf der Suche. Es gebe für ihre Kinder nur die Sonderschule, hieß es. Nach den guten Integrationserfahrungen war das keine befriedigende Perspektive. Die dreijährige Landwirtschaftliche Fachschule in Weyregg mit ihrer praxisnahen Ausbildung schien nicht nur geeignet, sie war auch bereit. Der Schulversuch wurde, nach einer Vorsprache beim Landeshauptmann, für ein Jahr genehmigt. Obwohl sich am Ende dieses Jahres 95 Prozent der Lehrer, Eltern und Mitschüler für eine Weiterführung der Integration aussprachen und die drei behinderten Jugendlichen sichtbare Fortschritte gemacht hatten, gab es dafür kein Geld mehr.

Nach vielen Interventionen von Eltern und Schule konnte das Integrationsprojekt doch fortgesetzt werden, die Eltern mussten aber selbst die Mehrkosten für die zusätzliche Integrationslehrkraft bezahlen. Der Lions Club Vöcklabruck half mit. Vor kurzem haben Reini, Rita und Tobias nach sonderpädagogischen Maßstäben die Schule erfolgreich abgeschlossen. „Rita ist viel selbständiger und ausdauernder geworden. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie in einem Bildungshaus oder in einer Frühstückspension arbeiten könnte“, freut sich Annemarie Stemmer.

D E R T I P P


Über weitere gelungene Beispiele von schulischer Integration in Fach- und Berufsschulen (mit Teilqualifizierungslehre) aus Wien, der Steiermark und Tirol berichten die Zeitschrift und die Homepage von Integration:
Österreich, Tannhäuserplatz 21/1, 1150 Wien; Tel. 01/78 91 747





Besuchen Sie uns auf unserer Homepage!


Ü B E R B L I C K


Weniger Geld für Integration


Ende der 80er Jahre gab es an österreichischen Volksschulen die ersten Integrationsklassen. Engagierten Eltern, Schulleitern und Lehrern ist es zu verdanken, dass es zu diesen Schulversuchen kam, bei denen Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen gemeinsam mit nicht behinderten Schüler/-innen unterrichtet wurden. Neu war, dass in diesen Integrationsklassen Volksschullehrer/-innen und Sonderpädagogen/-innen gemeinsam unterrichteten. Damit sollte sichergestellt werden, dass behinderte Kinder einerseits eine individuell angepasste Förderung bekommen und dass sie andererseits so gut wie möglich in die Gesamtklasse integriert werden.

1993 wurde die Integration in den Volksschulen und 1996 in den Hauptschulen gesetzlich verankert. Seither haben Eltern prinzipiell das Wahlrecht, Kinder mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf (körper-, sinnes-, geistig oder auch sozial behinderte Kinder) in Integrationsklassen oder in Sonderschulen zu geben. 46% der betroffenen Kinder besuchten 2001 integrative Schulen. Das Wahlrecht der Eltern wird allerdings in der Praxis – je nach Bundesland mehr oder weniger – eingeschränkt. Derzeit gebe es einen deutlichen Trend, dass Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf wieder stärker ausgesiebt (nicht geeignet für Integration) und in Sonderschulen geschickt werden, bedauert M. Brandl von „Integration:Österreich“. Auch die Rahmenbedingungen in Integrationsklassen werden aus Spargründen schlechter. So etwa ist die Zahl die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Oberösterreich in den letzten zehn Jahren um ein Drittel gestiegen, die Mittel dafür sind fast gleich geblieben.




Lippenbekenntnis




Öffentlich treten Österreichs Bildungspolitiker/innen gerne für die Integration behinderter Kinder in das Regelschulsystem ein. Die Praxis sieht allerdings in vielen Schulbezirken anders aus. Eltern haben immer noch mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, wenn sie ihr Kind nicht, wie von behördlichen Beratern vorgeschlagen, in die Sonderschule, sondern in eine Integrationsklasse der Volks- oder Hauptschule schicken wollen. So etwa mussten im Bezirk Vöcklabruck drei Familien ihre Kinder selbst zur Schule bringen, während die Sonderschüler zum selben Schulstandort mit dem Bus abgeholt wurden. Schikane oder Sparen auf Kosten Behinderter? Das Resultat ist dasselbe. Beschämend.
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