Die Leute wissen oder ahnen viel. Diesen Schatz der Erinnerung auch an dunkle Zeiten gilt es zu heben. Wie es das Ehepaar Winkelmeier aus Friedburg tat. Es ging dem Schicksal von Pfarrer Forthuber nach, einem NS-Opfer.
Als „Schritte hin zu versöhnter Erinnerung“ beschreibt die engagierte Jägerstätter-Biografin und Zeitgeschichtlerin Dr. Erna Putz den Ertrag von Veranstaltungen des Vorjahres. Bei diesen wurden NS-Opfer aus der Region (vor allem Bezirk Braunau) ins Gedächtnis geholt. Eines der in Erinnerung gerufenen Opfer war der Pfarrer von Friedburg, Josef Forthuber. Er wurde vor 60 Jahren, in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1942, im Pfarrhof Friedburg erhängt aufgefunden. Es waren die Nazi, der Pfarrer hat sich niemals selbst erhängt, wusste oder ahnte jeder und jede. Geredet wurde aber öffentlich kaum darüber. Ja, auch die Kirche hat erst nach Jahren Forthuber in ein Priestergrab „heimgeholt“.
Ärgerliche Stummheit
Das Ehepaar Johann und Andrea Winkelmeier hat sich der Erinnerung gewidmet. Durchaus aus unterschiedlichen Zugängen. Andrea Winkelmeier ist seit Gymnasialzeiten dank des Unterrichts eines Professors sehr für Zeitgeschichte interessiert. So war sie hellhörig und sensibel für kurze Erwähnungen, die bei Familientreffen über Opfer der NS-Zeit fielen. – Eine Tante des Mannes, die als „Behinderte“ nach Hartheim gebracht wurde und dort umkam; Zeugen Jehovas, die verfolgt wurden, und Pfarrer Forthuber. – „Das kann doch nicht wahr sein, dass man darüber nie redet”, dachte sie sich. Johann Winkelmeier kam von der Friedensbewegung. Er war Zivildiener und hörte vom Schicksal eines Kriegsdienstverweigerers aus der Umgebung in der NS-Zeit. Von seinem Vater, der Soldat war, kannte er auch Berichte über die Not, die örtliche NS-Funktionäre über etliche Mitbürger brachten (etwa wegen „Schwarzschlächterei“). „Und den Pfarrer haben die Nazi auch aufgehängt.“ Auch das war klar. Das Friedburger Heimatbuch aber ist darüber stumm. Und personenbezogene Dokumente über die Opfer fehlen auch in der Gemeinde. Der Gemeinderat konnte sich aber nicht zur Vergabe einer wissenschaftlichen Arbeit durchringen. Es soll „nicht in alten Wunden gestochert werden.“
Ermutigend
Als das Ehepaar Winkelmeier Erna Putz kennenlernte, verstand diese es, die beiden zu ermuntern, der Zeitgeschichte ihrer Heimat nachzugehen. Sie haben begonnen, mit Leuten zu reden, bei Verwandten von Opfern nachzuforschen und trugen Gesprächsprotokolle von etwa 60 Interviews zusammen. Die Ergebnisse dieser Gespräche sind ermutigend, Ähnliches auch anderswo zu tun. Die Winkelmeiers erlebten nur positive Reaktionen. Lediglich junge Leute fragten, was das jetzt noch bringe ... „Endlich wird etwas getan“, war dagegen die Reaktion vieler älterer Menschen. Wenn auch nach wie vor eine Scheu zu spüren ist, etwas öffentlich zu sagen. Sie haben darauf gewartet, dass sich jemand dieser Zeit und der Ereignisse, die bis in unsere Zeit nachwirken, annimmt. „Wir waren überrascht, wie groß das Wissen und das Widerstandsdenken war. Aber eher einzeln und jeder für sich“ Und die Kirche spielte vielerorts eine wichtige Rolle, sie war auch Nährboden einer „Trägheit“ dem NS-Regime gegenüber. „Wir sind draufgekommen, dass fast alle Pfarrer der Umgebung für ein paar Wochen zumindest fortgekommen sind und eingesperrt waren. Das Schicksal von Pfarrer Forthuber wird beim Podiumsgespräch im Rahmen weiterer Zeugnisse zum Thema „Blick auf Helfer und Retter und ungenannte Opfer“ zur Sprache kommen. Für das Ehepaar Winkelmeier ist die Frucht der bisherigen Gespräche im Ort eine Ermutigung zur Fortsetzung. Bereichernd waren die Gespräche auch persönlich: „Weil wir zu vielen unterschiedlichen Leuten Kontakt bekamen, zu denen sonst der Gesprächsdraht fehlte.“
Jägerstätter-Gedenken
Zur Sache
Vor 59 Jahren, am 9. August 1943, wurde der Innviertler Mesner und Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter hingerichtet. In Ostermiething und St. Radegund gibt es seit Jahren Gedenkveranstaltungen an diesem Tag der Erinnerung. Das diesjährige Gedenken stellt auch andere Helfer, Retter und Opfer der NS-Zeit vor, u. a. Pfarrer Forthuber.
Die Veranstaltung beginnt am 9. August um 9 Uhr im Pfarrheim Ostermiething mit einer Begegnungsrunde. Daran schließen um 9.30 Uhr Vorträge samt Diskussion an; Thema „Christen im Spannungsfeld: Nationalismus – Ideologie – Glaube“ (Prof. Dr. Donald Moore S.J, New York und Jerusalem, und Prof. Dr. Manfred Scheuer, Trier). Um 14 Uhr ist ein Podiumsgespräch „Blick auf Helfer und Retter und ungenannte Opfer“; um 15.30 Uhr Gedenkstunde in der Pfarrkirche, dann Fußweg nach St. Radegund. Dort ist um 19.30 Uhr in der Pfarrkirche Hl. Messe, anschließend Lichtfeier am Grab.