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Globale Ethik in der Wirtschaft

Langform des Gesprächs mit Wirtschaftskammerpräsident Dr. Leitl.
Ausgabe: 2002/32
07.08.2002
- Ernst Gansinger
Seit etwa zwei Jahren lenkt der Oberösterreicher Dr. Christoph Leitl die Geschicke der Bundeswirtschaftskammer. Seit etwa zehn Monaten ist er auch Präsident der Eurochambres (der europäischen Wirtschaftskammern). Im Gespräch mit der Kirchenzeitung kündigte Dr. Leitl unter anderem einen Vorstoß, den 8. Dezember betreffend, an.

„Eine Globalisierung mit europäischen Werten“ will Präsident Leitl. Das ist möglich, ist Leitl optimistisch. Derzeit dominieren zwar die Amerikaner. Doch könnten die Europäer zusätzlich zur Kostenphilosophie weitere Aspekte in die Handelsleitlinien einbringen, nämlich soziale und ökologische Perspektiven!

In einer Europäischen Sozialpartnerschaft gehe es darum, europäische Werthaltungen im Bereich der Wirtschaft einzubringen. Auf das bewährte österreichische Modell der Sozialpartnerschaft wollen er und Fritz Verzetnitsch, sein gewerkschaftliches Gegenüber, auch auf europäischer Ebene (Verzetnitsch steht dem europäischen Gewerkschaftsbund vor) zurückgreifen. Und die Europäische Union will der europäischen Sozialpartnerschaft viel Gewicht gegeben – in die europäischen Gesetze soll eins zu eins übernommen werden, worauf sich die Sozialpartner einigen. Teleworking, Teilzeitarbeit sind einige der Themen, die sozialpartnerschaftlich und europäisch angegangen wurden und werden. Eine europäische Sozialpartnerschaft würde auch auf Österreich rückwirken und hier die Sozialpartnerschaft stärken.

Globalisierung heißt für Leitl, eine globale Wirtschaftsethik zu entwickeln. Es gehe nicht darum, wer gewinne was auf Kosten von wem, sondern möglichst miteinander zu gewinnen. Globalisierung bedeutet, nicht in den Grenzen der EU zu denken, sondern europäisch – und dann auch den Schritt zu weltweiter Verständigung zu gehen. Die Wirtschaft und der Handel als weltweiter stabilisierender Impuls schwebt Leitl vor. Im Herbst will er dazu ein Weltwirtschaftskammer-Netzwerk gründen. In der europäischen Wirtschaftskammer sind 36 Staaten mit 18 Millionen Mitgliedsbetrieben vertreten, die mehr als 100 Millionen Menschen beschäftigen. – Ein großes Potenzial der Zusammenarbeit und Verständigung und damit des Abbaus von Vorurteilen und Ängsten.

Die Wirtschaftsbeziehungen auszubauen und eine vernünftige Arbeitsteilung quer über die Kontinente zu erreichen, seien Beiträge zu positivem Aufeinander-Zugehen. Mit der im Westen praktizierten Einteilung in gute und böse Staaten kann Leitl nichts anfangen. „Wer maßt sich an, zwischen gut und böse zu unterscheiden? Wir möchten zusammenbringen. Länder, die miteinander Handel treiben, verflechten sich untereinander.

Die Diplomatie hat beschränkte Möglichkeiten. Kultur, Sport und Wirtschaft bringen die Länder und ihre Menschen zusammen.“ Und die monotheistischen Religionen (Christen, Juden, Muslime), alle im Raum um das Mittelmeer entstanden, müssten hier verstärkt Brücken bauen. „Es gibt so viele Gräbenzieher und so wenig Brückenbauer“, klagt Leitl. Die Wirtschaft habe eine Brücke zum Beispiel nach Persien gebaut (Wirtschaftsabkommen), wozu EU-Ratspräsident Romano Prodi ausdrücklich gratulierte. Und in SaudiArabien werden Projekte gegen die Jugendarbeitslosigkeit unterstützt.

Aber nun denkt ein großer Teil Österreichs noch gar nicht europäisch, wie sollte er dann global denken? Leitl stimmt dem ersten Teil zu, dreht aber die Folgerung um: Vielleicht kommen wir über globales Denken zu europäischem Denken! Wer nicht akzeptiert, dass es Modernisierungsopfer gibt, wird aus wirtschaftlichen Außenseitern Mitspieler machen wollen.Zurück nach Österreich. Wo ist hier die Ethik im Kampf ums Überleben der Nahversorger oder wenn LKW-Chauffeure mit ihrer Fracht ohne Ruhepausen viele Stunden unterwegs sind?

Klein- und Mittelbetriebe – die weitaus häufigsten Betriebsformen in Österreich – haben sehr viel Ethik, sagt Leitl. Sie sind überschaubar und haben viel persönlichen Kontakt in ihrer Geschäftsabwicklung. In den letzten Jahren haben zehn Prozent der Nahversorger zugesperrt. Zu viele – und es haben zu viele Konsumtempel aufgesperrt.

„Nahversorger leben nicht von der Sympathie, nicht davon, dass bei ihnen eingekauft wird, was man im Supermarkt vergaß zu kaufen. Wir haben eine Gesellschaft, die gehetzt und gestresst ist. Die Menschen schlucken immer mehr Pulverl, um ihr Nervenkostüm in Zaum halten zu können. Der menschliche Kontakt, wie es ihn im Nahversorger-Geschäft oder im Ortswirtshaus noch gegeben hat, geht mit diesen Geschäften ein Stück unter.“

Es ist keine menschliche Gesellschaft, wenn man sich am Sonntag ins Auto setzt, um im nächsten Supermarkt dem Einkauf zu frönen. Wir sollten uns bewusst Zeit nehmen zur Pflege der einfachen und schönen Dinge. Wenn sich der Sonntag nicht vom Werktag unterscheidet, wird das Jahr zum Einheitsbrei. Das gilt auch für Feiertage. Ich bin von Anbeginn ein Verfechter der österreichischen Feiertagskultur (Christi Himmelfahrt, Fronleichnam ...) Wer hier wegen der Wirtschaft ein Verlegen auf Sonntage fordert, bemüht sich um vergleichsweise nebensächliche Themen und rührt zudem zutiefst am österreichischen Lebensstil und Selbstverständnis.“

Einen Vorschlag allerdings wird Präsident Leitl in den kommenden Wochen der österreichischen Kirche übergeben: Der 8. Dezember soll als Feiertag gegen den Karfreitag getauscht werden.

Die Frächterskandale und Fälle von Wirtschaftskriminalität, die medial stark transportiert worden sind, sind für Leitl unfaire Verallgemeinerungen, ähnlich wie beim Weinskandal. Wenige schwarze Schafe haben durch den medialen Wirbel einen Schatten aufs Ganze geworfen.

Auf die Schattenwirtschaft, etwa im Bereich des Häuslbauens, angesprochen, gibt Leitl zu bedenken, dass es Branchen mit Grauzonen gibt, die sich dazu gezwungen sehen, um überleben zu können. Daher müssen die Gesetze so sein, dass sie einsichtig und lebbar sind. Leitl wiederholt in diesem Zusammenhang seine Forderungen nach Steuererleichterungen für nicht entnommene Gewinne und niedrigeren Lohnnebenkosten. Dann würde es aufhören, dass mit Augenzwinkern manches getan wird. Eine verbesserte Gesetzeslage wäre auch angesichts dessen notwendig, dass die Produktivität der Pfuscher stärker steigt als die der Normalarbeit, wie der Linzer Universitätsprofessor Schneider errechnet hat.
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