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Statt Marienfeiertag Karfreitag als Feiertag?

Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl im Gespräch
Ausgabe: 2002/32, Wirtschaftskammer, Leitl, Feiertage, Karfreitag, Marienfeiertag,
07.08.2002
- Ernst Gansinger
Jahrelang gab es erbitterte Kämpfe um den 8. Dezember. Doch die Kaufleute, die an Maria Empfängnis ihre Geschäfte geschlossen hielten, wurden immer weniger, die Einkäufer immer mehr. Nun lässt der Wirtschaftskammerpräsident Dr. Christoph Leitl – exklusiv in der Kirchenzeitung – mit einem Vorschlag aufhorchen: Erkennen wir doch die Kraft des Faktischen an und machen aus dem 8. Dezember einen Werktag. Die leidige Diskussion um die Geschäftsöffnung wäre vom Tisch. Im Gegenzug wäre Leitl dafür, den Karfreitag zum Feiertag zu erklären: Arbeitsfrei, Geschäfte geschlossen. Im Lauf der Jahrhunderte wurde die Feiertagsordnung oftmals geändert, und auch in den „katholischen“ Ländern Europas sind die Regelungen sehr verschieden. So ist weder in Italien noch in Spanien der 8. Dezember frei. Bei seiner nächsten Begegnung mit Kardinal Christoph Schönborn wird Leitl seinen Vorschlag präsentieren. Diskutieren Sie jetzt schon mit.




Globale Ethik in der Wirtschaft


Seit zwei Jahren lenkt der Oberösterreicher Dr. Christoph Leitl die Geschicke der Bundeswirtschaftskammer. Seit etwa zehn Monaten ist er auch Präsident der Eurochambres (der europäischen Wirtschaftskammern). Im Gespräch mit der Kirchenzeitung kündigte Dr. Leitl unter anderem einen Vorstoß, den 8. Dezember betreffend, an.

„Eine Globalisierung mit europäischen Werten“ will Präsident Leitl. Derzeit dominieren zwar die Amerikaner. Doch könnten die Europäer zusätzlich zur Kostenphilosophie weitere Aspekte in die Handelsleitlinien einbringen, nämlich soziale und ökologische Perspektiven!

In einer Europäischen Sozialpartnerschaft sollen europäische Werthaltungen im Bereich der Wirtschaft eingebracht werden. Auf das bewährte österreichische Modell der Sozialpartnerschaft wollen er und Fritz Verzetnitsch, sein gewerkschaftliches Gegenüber auch auf europäischer Ebene (Verzetnitsch steht dem europäischen Gewerkschaftsbund seit 1993 vor) zurückgreifen. Und die Europäische Union will einer europäischen Sozialpartnerschaft viel Gewicht gegeben – in die europäischen Gesetze soll eins zu eins übernommen werden, worauf sich die Sozialpartner einigen. Teleworking, Teilzeitarbeit sind beispielhafte Themen dafür. In der europäischen Wirtschaftskammer sind 36 Staaten mit 18 Millionen Mitgliedsbetrieben vertreten, die mehr als 100 Millionen Menschen beschäftigen.

Stabilisierende Wirtschaft

Globalisierung heißt für Leitl, eine globale Wirtschaftsethik zu entwickeln. Es gehe nicht darum, möglichst miteinander zu gewinnen, und nicht darum, wer gewinne was auf Kosten von wem. Globalisierung bedeute, nicht in den Grenzen der EU zu denken, sondern europäisch und dann auch den Schritt zu weltweiter Verständigung zu gehen. Wirtschaftsbeziehungen können weltweit stabilisierend wirken, schwebt Leitl vor. Im Herbst will er dazu ein Weltwirtschaftskammer-Netzwerk gründen. – Er sieht ein großes Potenzial der Zusammenarbeit und Verständigung und damit des Abbaus von Vorurteilen und Ängsten.

Globales Denkenund die Ethik bei uns

Nun denkt aber ein großer Teil Österreichs noch gar nicht europäisch, wie sollte er dann global denken? Leitl stimmt dem ersten Teil der Skepsis zu, dreht aber die Folgerung um: Vielleicht kommen wir über globales Denken zu europäischem Denken!
Zurück nach Österreich. Wo ist hier die Ethik im Kampf ums Überleben der Nahversorger oder wenn LKW-Chauffeure mit ihrer Fracht ohne Ruhepausen viele Stunden unterwegs sind? Klein- und Mittelbetriebe haben sehr viel Ethik, sagt Leitl. Sie sind überschaubar und haben viel persönlichen Kontakt in ihrer Geschäftsabwicklung. „In den letzten Jahren haben zehn Prozent Nahversorger zugesperrt. Zu viele. Und es haben zu viele Konsumtempel aufgesperrt. Nahversorger leben nicht von der Sympathie, nicht davon, dass bei ihnen eingekauft wird, was man im Supermarkt vergaß zu kaufen.“

Sonn- und Feiertag

„Es ist keine menschliche Gesellschaft, wenn man sich am Sonntag ins Auto sitzt, um im nächsten Supermarkt dem Einkauf zu frönen. Wir sollten uns bewusst Zeit nehmen zur Pflege der einfachen und schönen Dinge. Wenn sich der Sonntag nicht vom Werktag unterscheidet, wird das Jahr zum Einheitsbrei. Das gilt auch für Feiertage.“ Zum 8. Dezember allerdings könne er sich einen Tausch vorstellen. In den kommenden Wochen wird er dazu der österreichischen Kirche einen Vorschlag übergeben: Der 8. Dezember soll als Feiertag gegen den Karfreitag getauscht werden.




Zur Sache:


Schlechter Handel

Obwohl man über die Veränderung von Feiertagen diskutieren kann, lehnt Generalvikar Mag. Josef Ahammer den von Wirtschaftskammerpräsident Dr. Christoph Leitl ins Gespräch gebrachten Tausch ab: „Gerade wir Oberösterreicher werden uns für den 8. Dezember stark machen. Da unser Dom der Unbefleckten Empfängnis geweiht ist, hieße ein Aufgeben des Marienfeiertags die eigene Geschichte zu vergessen. Das sollten wir auf keinen Fall tun. Ich halte den Abtausch der Feiertage für einen schlechten Handel. Wenn man Festtage nur unter den Augen der Wirtschaftlichkeit sieht, kann für die Menschen großer Schaden entstehen.“




IHRE MEINUNG:

Können Sie der Anregung von Präsident Leitl etwas abgewinnen, statt am 8. Dezember am Karfreitag einen Feiertag zu haben?JA -> 0732/77 45 27-30
NEIN -> 0732/77 45 27-40
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