Viele Jugendliche entfernen sich immer mehr von der Kirche – mental und tatsächlich. Wie kann die Kirche reagieren? Eine Expertin antwortet:
KIZ: Die Forschung zeigt: Die Kirche und andere Religionsgemeinschaften werden der Jugend immer fremder. An ihre Stelle tritt eine diffuse Religiosität. Was kann die Kirche tun?
Prof. Ilse Kögler: Wir sind immer sehr schnell mit Problemlösungsstrategien da. Ich halte das für den falschen Weg. Wir sollten schauen, welche Bedürfnisse hinter diesen zusammengewürfelten Religiositäts-Stilen stecken. Welche Sehnsüchte von Jugendlichen werden da ausgedrückt und wie kann ich in der Kirche auf diese Fragen eingehen? Also nicht: Wie kann ich sie missionieren?, sondern: Welche Bedürfnisse kommen auf und was an religiösen Sehnsüchten steckt dahinter? Ich möchte da den Dogmatiker Niewiadomski (Innsbruck) zitieren: dass unser Gott ein Liebhaber des Lebens ist. Also nicht so sehr einer, der Vorschriften macht. Wichtig ist, dass der Glaube eine Hilfe ist, damit das Leben gelingen kann.
Welchen Anteil an der schleichenden Abwendung vieler Jugendlicher von der Kirche haben die Reizthemen vorehelicher Sex und Verhütung?
Sie haben gar keinen Anteil mehr. Themen wie die Sexualmoral der Kirche locken einem heutigen Jugendlichen nur mehr ein müdes Lächeln aufs Gesicht. Das ist nicht einmal mehr ein Streitthema.
Heißt das umgekehrt: Eine Änderung der kirchlichen Haltung würde jetzt auch nichts mehr bringen?
Ich denke, die Kirche hat ihre Chance durch Personen, die es schaffen, lebendige Zeugen für den Glauben zu sein; die zeigen, dass Glaube nicht eng macht, sondern befreit. Nicht durch Belehrung oder Missionierung, sondern durch Begleitung kann dies erreicht werden.
Und die Familie?
Religiöse Erziehung wird in den Familien heute vielfach nur mehr von den Großmüttern geleistet, gar nicht so sehr von der Elterngeneration. Ich frage mich, was passiert, wenn diese religiöse Erziehung auch wegfällt. Das katholische Selbstverständnis, in das man hineinwächst, gibt es kaum mehr.Menschen, die erst später zur Kirche finden, werden also immer mehr die Regel, „Quereinsteiger“ ...
...die dann zur Kirche finden, weil sie eine charismatische Person kennen gelernt haben, die der Kirche angehört. Die selbstverständliche katholische Biografie gibt es immer seltener.
Was kann man von Seiten der Kirche also tun?
Zum Beispiel die offene Jugendarbeit forcieren. Das wäre für mich ein Weg, zu den Menschen zu gehen und nicht zu warten, dass die Menschen zu uns kommen. Das wird nämlich immer weniger passieren. Wir müssen uns auch überlegen, was wir den Jugendlichen bieten, wenn sie zu uns kommen. Dürfen sie vorbehaltlos bei uns sein, weil wir sie mögen, oder ist das immer verbunden mit bestimmten Pflichten?
Offene Jugendarbeit beinhaltet aber ein größeres Risiko für Enttäuschungen. Sollte man sich nicht eher auf die kirchennahen Jugendlichen konzentrieren?
Wer keine Enttäuschungen möchte, darf nicht in die Jugendarbeit gehen. Auch darf man Evaluierung nicht gleich durchführen: Vieles, was in der Jugendarbeit passiert, greift doch erst Jahre später. Das gilt für jeden religiösen Weg. Insgesamt darf es auch nicht so sein, dass wir uns nur noch um die kümmern, die da sind, denn dann gehen wir in ein Ghetto. Jugendarbeit mit kirchenfernen und kirchennahen Jugendlichen sind für mich zwei Seiten der gleichen Medaille.
Wie kann man dann die Jugendlichen aus der offenen Jugendarbeit „herüberziehen“?
Das ist ja genau die Frage: Ist eine Jugendarbeit nur dann gut, wenn sie die Jugendlichen aus der offenen Jugendarbeit in die Pfarrgemeinde herüberholt? Ist es nicht eher ein Anliegen der offenen Jugendarbeit, den Jugendlichen zu einem gelungenen Leben zu helfen? Kirche könnte dann eine positive Größe in ihrem Leben darstellen. Jemand, der nicht unmittelbar in einer Pfarrgemeinde mitarbeitet, ist doch nicht von vornherein ein schlechterer Christ.
Besteht bei kirchennahen Jugendlichen nicht die Gefahr, wenn ihre Kritik an der Kirche ohne Reaktion bleibt, dass sie sich enttäuscht abwenden?
Natürlich, aber das passiert auch bei Erwachsenen. Wenn die Kirche den Dialog abschaltet und auf Kritik nicht mehr reagiert, wirkt es auf Jugendliche unglaubwürdig, ja sogar abstoßend.
Früher gab es die Jazzmessen als Versuch, auf Jugendkultur einzusteigen. Welche Möglichkeiten gibt’s heute?
Heute ist es schwierig, einen Musikstil für alle Jugendlichen zu finden. Es geht doch auch nicht darum, sie mit Hilfe von Musik in die Kirche zu locken. Das führt noch nicht automatisch zu einer Gottesbeziehung, denn die ist ein offener Prozess. Dafür braucht es ein persönliches Begleiten, kein Steuern, sondern ein liebevolles Verstehen, wenn auch dazu manchmal kritische Distanz vonnöten ist.