Erzbischof Alois Kothgasser SDB über das Brückenbauen zur Jugend
Ausgabe: 2003/09, Jugend, Kothgasser, Don Bosco, Jugendhirtenbrief, Berufung, Jugendarbeit
26.02.2003
- Heinz Niederleitner
Alois Kothgasser, neuer Erzbischof von Salzburg, Salesianer Don Boscos, im Gespräch über Kirche und junge Menschen.
Wieso sind Sie Salesianer Don Boscos geworden? Einerseits, weil ich Don Bosco schon in frühen Jahren durch einen Kaplan kennen gelernt habe, der bei uns daheim tätig war und bei den Salesianern in Laibach studiert hatte. Er hat uns bei den Ministranten und in der Jungschar so viele Geschichten von Don Bosco erzählt, dass mich das fasziniert hat. Andererseits habe ich daheim schon ein bisschen mitgearbeitet in der Jugend. Wichtig war auch die Begegnung mit vielen Salesianern. Wie wir zum Beispiel die Feste gefeiert haben, die vielen Möglichkeiten, von Spielen, Musik, Theater und so weiter: Das hat mich einfach angezogen. Dann habe ich einen inneren Ruf gespürt, etwas für die jungen Menschen zu tun.
Ihr noch in Innsbruck verfasster Jugendhirtenbrief dreht sich um zwei Konfliktlinien: die Beziehung Erwachsene – Jugendliche und die Beziehung zwischen kirchlich engagierte und nicht engagierten Jugendlichen. Wie kam es dazu? Diese zwei Schwerpunkte sind entstanden im Gespräch mit den Jugendlichen. Ich bin gerne darauf eingegangen. Aber ich habe gesagt: „Wir müssen uns zusammensetzen und ihr müsst’s mir sagen, was ihr vom Bischof erwartet und was ihr als Jugendliche vermitteln wollt – an andere Jugendliche und an die Erwachsenen.“ Mir ging es dabei vor allem auch darum, diese Kluft zu überwinden, die oft zwischen kirchlich engagierten Jugendlichen und den eher kirchlich uninteressierten entstanden ist und da und dort entsteht. Ich glaube, auch die Erwartung der Jugendlichen an die Erwachsenen kommt sehr gut zum Ausdruck.
Die Kirche tut sich mit Jugendlichen immer schwerer. Sehen Sie die Zukunft eher in einer kleinen, intensiven Gemeinschaft oder in der offenen Jugendarbeit? Es gibt die Notwendigkeit, auf beiden Linien zu bleiben: nämlich nicht zu verkleinern und verkleinern zu wollen. Jesus will alle Menschen erreichen. Aber wir können sie nur erreichen, wenn wir eine intensive Gemeinschaft bilden. Don Bosco hat immer damit begonnen, dass er Orte geschaffen hat, wohin Jugendliche kommen können, wo sie sich wohl fühlen, wo er ihre Fähigkeiten herausgelockt hat. Aber zugleich hat er immer wieder die Brücke geschlagen zu dem, was das Wesentliche unseres Lebens ausmacht, weil es auch das Wesentliche für die Jugend ist: die Sehnsucht nach Geborgenheit, die Sehnsucht nach Liebe, das Bedürfnis nach Gemeinschaft, das heute sehr groß ist. Andererseits die Sehnsucht nach Echtheit und Möglichkeiten der Kreativität.
Ich meine, zuerst muss diese Brücke auf persönliche, menschliche Art geschaffen werden. Wenn diese Brücke einmal besteht, dann kann vieles hin- und herüber gehen, dann können wir auch aus den konkreten Situationen der Jugend manches vom Evangelium her ansprechen, was genau solchen Situationen entspricht und dann den Jugendlichen wieder ein Stück Hoffnung gibt. Wichtig ist, dass wir nicht mit der Tür ins Haus fallen, sondern dass es mit der Sympathie geschieht, wie Don Bosco und Franz von Sales auf die Menschen zugegangen sind und wie Gott es selbst immer wieder zeigt im Verhalten zu uns Menschen. Diese Sympathie Gottes zum Menschen – die müssen wir nachvollziehen. Und deswegen auch immer wieder den ersten Schritt wagen.
Mit dem Ausbleiben der Jugendlichen scheint auch der Mangel an Berufungen verbunden. Der Mangel an Berufungen hängt vielfach zusammen mit dem Mangel an Christen und Christinnen. So meine ich, liegt das Problem vielfach in der Familie heute, an unserem zu lauen Christsein. Ich bin überzeugt, dass es Menschen gibt, welche die Radikalität des Evangeliums verspüren. Ich bin Jugendlichen begegnet, die in jungen Jahren daran gedacht haben, Priester oder Ordensleute zu werden. Aber dann ist vieles andere dazwischen gekommen. Gefehlt hat es an konkreten Vorbildern und an Christen und Christinnen, die bereit sind, solche Berufungen anzunehmen und mitzubegleiten. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott sein Volk im Stich lässt.
Dieser Ausgabe der Kirchenzeitung liegt eine Beilage der Salesianer Don Boscos zum 100-Jahr-Jubiläum in Österreich bei. Der angesprochene Jugendhirtenbrief findet sich unter: www.donbosco.at