Über 400 Briefe hat Ferdinand Humer von 1942 bis 1944 aus Weißrussland seiner Frau und seinen Kindern geschrieben. Sein Sohn, P. Dr. Gregor Humer OSB, arbeitet sie auf und hat uns folgenden Brief zum Ostersonntag geschickt:
24. April 1943 Grüß Euch Gott, meine Liebsten!Heute ist Ostersonntag und für uns Menschen ein großer Freudentag, denn Christus Jesus ist aus seinem Grab auferstanden. Er hat uns den Himmel aufgesperrt. Liebste, ich kann Dir sehr viel Freude von meinem Ostersonntag berichten. Der Herr hat mir diese Freude zuteil werden lassen. (...) Die Nacht war nicht ganz schön. Ich hatte schon geschlafen; da hieß es um 22 Uhr: Alles antreten und zur Feldwache! (...) Erst um vier Uhr kamen wir ins Bett. (...) Aber ich hatte mir vorgenommen: Ich gehe in die „Auferstehung(sfeier)“, die hier um halb sieben gefeiert wird. (...) Es war sehr schön. (...) Es wurde mit dem Allerheiligsten um die Kirche außen zweimal herumgegangen. Ich blieb während dieses Umzuges in der Kirche und betete den Rosenkranz. Hernach war feierliches Amt. (...) Es war auch eine Speisenweihe so wie bei uns zuhause. Auch ich bekam etwas Geweihtes.
Ich verstand ihn nicht
Und jetzt, Liebste, werde ich dir die große Überraschung schreiben: Ich ging nach dem Amt aus der Kirche. Da zupfte mich ein Zivilist am Ärmel meiner Uniform und sagte etwas zu mir. Ich verstand ihn zwar nicht. Er sprach russisch oder polnisch. Er deutete, ich solle mit ihm kommen. Ich kannte mich aber aus, dass ich bei ihm als Gast eingeladen bin. (...) Erst wollte ich nicht mitgehen. Ich kannte diesen Mann ja nicht. Aber er machte mir sofort einen guten Eindruck und so ging ich mit ihm. (...) Beim Gehen redete er immer auf mich ein. Doch ich verstand ja seine Sprache nicht und er sprach nicht Deutsch. (...) Er wollte auf dem Weg mein Gebetbüchl sehen. Endlich begriff ich! Als er mir sein Gebetbuch zeigte, nahm auch ich mein Soldatengebetbuch aus der Rocktasche und zeigte es ihm. So erkannte ich, dass er ein Katholik ist. Wir mussten ungefähr 20 Minuten gehen. Als wir zu seinem Häusel kamen, traf auch seine Frau gerade ein. Auch sie machte mir einen guten Eindruck. Die beiden sind noch ziemlich junge Leute, um 30 (Jahre) herum. Kinder habe ich keine gesehen. Sofort wurde aufgetischt: Zuerst wurden die geweihten Sachen gegessen. Nachher auch andere Köstlichkeiten: gekochtes Schweinefleisch, gut gewürzt. Aber anders als bei uns. So Fleischbröckerl und Sulze. Auch Mehlspeise gab es, so eine Art Schnecken, wie sie auch bei uns gemacht werden, sehr gut süß von Zucker. Du weißt, Liebste, da bin ich dabei! Mehlspeise mag ich immer. Was hier nie fehlen darf, ist der Wodka (...). Du weißt, dass Alkohol nicht meine Sache ist. (...) Ich musste auch der Hausfrau und einem Bruder, der später kam, mein Gebetbuch zeigen. Auch zeigte ich ihnen meinen Rosenkranz. Darüber hatten sie eine große Freude (...) ich habe ihnen zu wenig gegessen, so gaben sie mir noch ein paar Schnecken und Eier mit auf den Weg. Ich soll „jutro“ – das heißt morgen – wiederkommen.
Von Gott geschickt
Gelt, Liebste, diese Menschen hat mir Gott geschickt. (...) Es gibt eben überall gute Menschen – in jedem Land. Auch in diesem Land, über das wir so viel Unheil gebracht haben – über Polen und Weißrussen. Sie alle haben ihren Glauben. Also wie ich sage: Die Leute wären gut. Aber wenn ihnen alles genommen wird, dann müssen sie ja zu Feinden werden. Wir und sie wissen, dass über allem ein Höherer ist, der die Geschicke lenkt. Auch wenn das so manche nicht glauben wollen, aber sie werden es einmal glauben müssen. (...) Jetzt schließe ich für heute – am Ostersonntag! Ich weiß, dass meine Freude auch Deine große Osterfreude ist. Mit recht vielen Grüßen und Küssen schließe ich – Euer besorgter Vater.
Ferdinand Humer aus Vorchdorf, geboren am 16. November 1902, wurde im Juli 1944 im Raume Minsk als vermisst gemeldet. Nähere Umstände sind nicht bekannt.