Redaktionen durchforsten ihre Archive, um die Hauptereignisse für den Jahresrückblick herauszufiltern. Auf den Krieg im Irak werden sie stoßen, auf den Erweiterungsprozess der Europäischen Union, die Seligsprechung von Mutter Teresa, die Umstände der Regierungsbildungen in Bund und Land.
In der großen Geschichte der Welt drohen die kleinen Geschichten der Menschen zu verblassen. Es gibt nicht nur eine Globalisierung der Wirtschaft. Es gibt auch eine Globalisierung der Aufmerksamkeit und der Gefühle. Auf immer weniger Themen und Ereignisse richtet sich die globale Aufmerksamkeit – falls man sie überhaupt Aufmerksamkeit nennen kann. Die persönlichen Geschichten der Menschen treten in den Hintergrund, bis der Mensch selbst als unwichtig gilt.
Ein Stück Widerständigkeit gegen die Globalisierung der Aufmerksamkeit tut Not. Gerade zu Weihnachten wird deutlich: das Hauptereignis des eigenen Lebens findet man im Nächsten, im Menschen, der an die eigene Tür klopft. Da wird kein Staatspräsident und kein Regierungsbeschluss die Sache regeln. Da bin ich selbst gefragt.
Dass die Welt in immer perfekteren Bildern ins Haus geliefert wird, soll nicht dazu führen, dass der nüchterne Alltag aus dem Blickfeld verschwindet. Diesen kann man nicht einfach ausschalten, wenn das Programm nicht mehr gefällt. Wer seine größten Gefühlsempfindungen vor dem Fernsehschirm erlebt, ob Glück oder Wut, mag sich fragen, wer Regie über sein Leben führt.