Erneut ruft Abbé Pierre zum Kampf gegen menschliche Not auf. Vielleicht gerade deshalb gilt der 91-Jährige seit Jahren als der populärste Franzose.
Es sei derzeit schlecht um die Welt bestellt, und das Unglück vieler Menschen groß, meint Abbé Pierre. In seinem am 27. Dezember in der Pariser Tageszeitung „La Croix“ publizierten offenen Brief analysiert der „Vater der Obdachlosen“ schonungslos: Der skandalöse Graben zwischen armen und reichen Ländern führe unweigerlich dazu, dass Menschen in die reichen Länder zu kommen suchen. Und während die Umweltverschmutzung weltweit zunehme, weigerten sich Staatschefs noch immer, dem zerstörerischen Wirtschaften Einhalt zu gebieten. Doch Henry Grouès, wie der vor 91 Jahren in Lyon geborene Sohn wohlhabender Tuchfabrikanten heißt, klagt keineswegs über das ach so schlechte Heute. 50 Jahre nach seiner legendären Radiorede zum „Aufstand der Guten“ ruft er erneut zum Kampf auf: Wer heute nicht Hunger leide, nicht arbeitslos oder obdachlos sei, werde mehr denn je zum täglichen Handeln herausgefordert.
Wie das gehen könnte, hat der Gründer der Emmaus-Gemeinschaft unzählige Male selber vorgelebt. Dass ihm dabei sein Deckname aus der Zeit des französischen Widerstands geblieben ist, zeigt: Abbé Pierre findet sich nicht mit ungerechten Systemen ab. Und seit Jahren zum beliebtesten Franzosen gewählt zu werden bereitet ihm keine Freude. „Solange in Frankreich drei Millionen Menschen in ungenügenden Wohnverhältnissen leben, kann ich mich darüber nicht freuen.“