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Die Haut der Kirche

Caritasdirektor Mathias Mühlberger über den Auftrag der Caritas
Ausgabe: 2004/09, Mühlberger, Caritas, Sozial, Straßham, Direktor, Wallner
24.02.2004
- Josef Wallner
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Der Wirbel war groß, die Faktenlage dünn. Die Aufregung um die Anschuldigungen gegen die Caritas hat sich wieder gelegt. Die Kritik ist aber auch eine Gelegenheit – nüchtern und klar – auf die Arbeit der Caritas zu schauen.

Einer der Vorwürfe gegen die Caritas lautete, dass sich in einem Sozialprojekt in Straßham fünf angestellte Betreuer um einen Klienten kümmern. Ist dieser Aufwand angemessen?

Mühlberger:
Ich könnte es mir leicht machen und sagen: Wir wurden vom Land Oberösterreich mit diesem Projekt beauftragt und das Land bezahlt es auch. Aber so argumentiere ich nicht. Es ist vielmehr meine tiefste Überzeugung, dass wir alles zu tun haben, damit Menschen in Würde leben können. Wir setzen uns ein, weil wir von der göttlichen Würde jedes Menschen überzeugt sind.

Zurück zum konkreten Projekt – ist der Aufwand gerechtfertigt ...

Mühlberger:
Ja, weil wir und das Land OÖ vor allem nicht für die Alternative zur Verfügung stehen. Die Alternative hieße wegsperren und einem Menschen keine Chance auf Entwicklung geben. Natürlich kommen in das Projekt Schritt für Schritt mehrere Betroffene.

Hinter dem konkreten Anlass steht die Frage, die die Gesellschaft immer kontroversieller diskutiert. Wie viel soziale Sicherheit können wir uns leisten?

Mühlberger:
Österreich ist ein reiches Land. Wir können und müssen uns soziale Sicherheit für alle leisten. Auf Grund der Bevölkerungsentwicklung wird aber der Sozialstaat umgebaut werden müssen. Die soziale Sicherheit ist für uns ein kostbares Gut. Darum arbeitet die Caritas für einen Sozialstaat, der die Menschen zusammenhält, und nicht bloß für einen Notversorgungsstaat. Und wenn man schon die Kosten anspricht, ist völlig klar: Soziale Sicherheit ist auch wirtschaftlich sinnvoll. Wer das Sozialsystem austrocknet, hat zum Beispiel höhere Kosten bei der Kriminalität. In Amerika wird mehr Geld für Gefängnisse ausgegeben als für Soziales. Wollen wir das wirklich?

Was kann die Caritas zu einer sozialen und menschlichen Gesellschaft beitragen?

Mühlberger:
In Bereichen, wo unsere Dienstleistungen von der öffentlichen Hand bezahlt werden, gibt es vorgegebene Qualitätsstandards wie zum Beispiel in Altenheimen, in der Betreuung behinderter Menschen oder bei der mobilen Pflege. Diese Vorgaben sind sinnvoll und wir halten uns daran ohne Wenn und Aber – unter Bedachtnahme auf die christlichen Werte. Darüber hinaus gibt es Felder, die uns sehr wichtig sind und die wir auch großteils selbst finanzieren. Dazu gehören das Haus für Mutter und Kind, die Hilfe für Obdachlose, für Flüchtlinge und die Sozialberatung. Die Sozialberatung hilft jährlich rund 7.000 Menschen, die durch den Rost der gesetzlichen Absicherungen fallen. Hier ist die Caritas wirklich bei den ganz Armen der Gesellschaft und das ist gut so.

Diese anderen Caritasfelder finanzieren Sie großteils durch Spenden. Haben Sie Sorge, dass die Spendeneinnahmen durch den Wirbel der letzten Woche zurückgehen könnten?

Mühlberger:
Nein, weil ich überzeugt bin, dass die Menschen im Land die Qualität unserer Arbeit schätzen.

Mit 1800 Mitarbeiter/innen ist die Caritas ein Großbetrieb. Woran erkennt man ihn als christlichen Sozialkonzern?

Mühlberger:
Ich möchte richtig stellen: Wir verstehen uns nicht als Konzern, sondern als Organisation. Die Caritas handelt im Wissen, dass sie Teil der Kirche ist, der nach außen wirkt. Man kann die Caritas mit der Haut der Kirche vergleichen, die mit Menschen in Berührung kommt, die leiden, scheitern und am Rand stehen. An der Caritas sehen die Menschen, dass die Kirche nicht nur redet, sondern auch handelt. Sie ist der Beweis, dass der Scheck der Verkündigung wirklich gedeckt ist. Wenn es auch ein wenig hochtrabend klingt: Die Caritas zeigt, dass wir Christen im guten Sinn Weltverbesserer sind.

Eine Besonderheit der Caritas liegt im Zusammenspiel von hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen vor allem in den Pfarren ...

Mühlberger:
Dieses kirchliche Netzwerk macht die Stärke der Caritas aus. Durch die Aufmerksamkeit und Wachheit der Pfarrmitarbeiter wird vieles möglich. Ich lerne dieses Miteinander zunehmend mehr zu schätzen.




ZUR SACHE


Kommission für St. Isidor


Seit Einrichtung einer Telefonhotline in der Vorwoche haben sich drei Betroffene gemeldet, die als Bewohner/innen des Kinderdorfes St. Isidor geschlagen worden sein sollen. Ob die Beschwerden tatsächlich zutreffen, darüber kann man noch nichts sagen. Sie werden jedenfalls von einer Kommission geprüft, die die Caritas gebildet hat. Auslöser für die Kommission war ein Flugblatt, das vor einer Woche aufgetaucht ist. Darin wird behauptet, dass Kinder in St. Isidor geschlagen worden sein sollen. Die angesprochenen Fälle liegen mehr als zwanzig Jahre zurück. Verfasst wurde das Flugblatt von einem ehemaligen Mitarbeiter der Caritas. Die Caritas führt die Betreuungseinrichtung St. Isidor seit 1994, zuvor hatte sie die Trägerschaft inne. „Es gehört zur Caritas-Kultur, dass jeder Vorwurf der auftaucht, ernst genommen wird“, so Caritas Direktor Mühlberger. Er stellt aber auch klar, dass heute Fälle von Züchtigung auszuschließen sind. Und sollte es vorkommen, würde der betreffende Mitarbeiter umgehend entlassen. Von den vier Mitgliedern der Expertenkommission gehört nur einer der Caritas an, die übrigen drei sind externe Fachleute wie Primarius Dr. Werner Leixnering, Leiter der Abteilung für Jugendpsychiatrie der Landes Nervenklinik Wagner-Jauregg.


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