„Eigentlich wollte ich Papst werden!“ – Dieser Titel steht über einer Reportage der März-„Kupfermuckn“ der ARGE für Obdachlose.
Aber – „wie das Leben so spielt“ –, blickt der heute 55-jährige Ernst Erlinger, der als Petriner-Schüler hoch gesteckte Ziele hatte, auf einen ganz anderen Karriereverlauf zurück. Auf eine Karriere, die ihn an den gesellschaftlichen Rand gebracht hat. Einst Petriner, dann noch sechs Semester Priesterseminar und schließlich, mitten in der Vorbereitung auf die Zukunft, zusammengebrochen. Die Kirchenzeitung traf den Mann, dessen Leben der Alkohol in eine fatal andere Richtung lenkte. Ist sein Glaube erschüttert? Hadert er mit der Kirche? – „Nein!“, sagt er. Er hat keinen Grund zornig zu sein. „Ich habe der Kirche viel zu verdanken.“ Seinen Glauben nämlich. Es wäre so einfach, denn man bräuchte nur die zwei Gebote leben, die Gottesliebe und die Nächstenliebe, sagt er. Der Gesellschaft mangle es aber an diesem Fundament. – Ernst Erlinger ist in seinem Element, wenn es um die Themen Glaube und Kirche geht.
Not in Dosen
Alkohol hat er schon als Kind als gewässerten Most oder durch gezuckerten Schnaps probiert. „Wir hatten sprichwörtlich die Not in Dosen daheim“, erinnert sich Ernst Erlinger an seine karge Kindheit in Naarn. Er hatte zehn Geschwister. Käse, Trockenmilch und anderes gab es aus der Dose.
Ungewohnte Freiheit
Bis zum Priesterseminar war Alkohol kaum ein Thema. Aber dann hatte die Strenge des Elternhauses und der Petriner-Erziehung die Wirkung verloren. Das war verführerisch. Als Petriner war er abgeschottet, beschützt, behütet. „Natürlich haben wir auch unsere Gaudi gehabt“, aber nun gab es ungewohnte Freiheiten. Mit Alkohol hat er sich Schneid angesoffen. Dann erlitt er zu allem Überdruss noch einen schweren Schiunfall mit Wirbelbruch. Die Kraft, auf Priesterkurs zu bleiben, war weg. Er trat aus dem Priesterseminar aus, absolvierte ein Freiwilliges soziales Jahr als Hilfspfleger im Krankenhaus Vöcklabruck und wurde schließlich Fahrdienstleiter bei der ÖBB.
Der Zug nach unten
Immer mehr Rolle spielte der Alkohol. Ernst Erlinger wurde gekündigt, arbeitete als Bauhilfsarbeiter, war immer wieder arbeitslos, hatte mindestens 40 Leasing-Arbeitsstellen. Insgesamt war er viermal auf Entzug. Heute bezieht er eine Invaliditätsrente, ist seit gut einem Jahr trocken und möchte gerne im Sozialbereich eine geringfügige Beschäftigung.
In Rom nicht angekommen
Die Berg- und Talfahrt seines Lebens, die nicht in Rom ankam, wie er sich das eigentlich ausgedacht hätte, hat ihn in seinem Glauben nicht erschüttert. „Gewiss, es gibt Phasen, in denen man mit Gott hadert“, sagt er. Aber für Ernst Erlinger sind die Zeiten der Zuversicht, dass Gott hilft, viel häufiger. Und so rappelte er sich immer wieder auf, tankte wieder und wieder neue Hoffnung nach dem Motto „Jetzt wird’s gehert.“ Aber die Chancen, die man bräuchte, kriegt man nicht ...
Welche Aufgabe?
Wenn er noch einmal von vorne beginnen könnte, würde er einiges anders machen. Er würde jedenfalls auch die Jugend mehr dazu nützen, das Leben kennen zu lernen. Das Leben, das ihn vorsichtig und verschlossen gemacht hat. Tiefe Freundschaften hat er keine. „Vielleicht habe ich Angst davor“, grübelt er. Denn oft kam er sich ziemlich ausgenützt vor. „Ich möchte zwar, aber nein ... wer weiß, wer weiß ... bevor ich mir etwas vertu’ ... – Vielleicht habe ich auch eine andere Aufgabe, nur weiß ich sie noch nicht!“