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Radikaler Kurswechsel

Theologe Rosenberger fordert, Klimapolitik endlich ernst zu nehmen
Ausgabe: 2004/13, Klima, Politik, Naturkatastrophen, Klimawandel, Sozialwort,
23.03.2004
- Hans Baumgartner
Die weltweite Zunahme von schweren Naturkatastrophen ist für Michael Rosenberger kein Zufall. „Dahinter steht der vom Menschen mitverursachte Klimawandel. Aber offenbar sind wir noch nicht bereit, daraus zu lernen.“

Er sorgte im Klagenfurter Bischofshaus für deutliche Worte. Bei einer Diskussion zum Sozialwort der Kirchen mit Führungskräften aus der Wirtschaft hat der Linzer Moraltheologe Michael Rosenberger die Klimapolitik in Österreich scharf kritisiert. „Anstatt den Energieverbrauch und damit den Ausstoß des Treibhausgases CO2 wie versprochen deutlich unter den Wert von 1990 zu senken, nimmt er Jahr für Jahr zu. Wenn wir im Jahr 2012 das Kyoto-Ziel erreichen wollen, müssen wir nicht mehr 13 Prozent, sondern deutlich mehr als 20 Prozent nicht erneuerbarer Energie einsparen.“

Tiefe Einschnitte

Mit vielen Experten ist Rosenberger überzeugt, dass das angepeilte Ziel nur mit einer tiefgreifenden strukturellen Veränderung der Wirtschaft zu erreichen ist. „Wir brauchen ein konsequentes Ökosteuersystem mit einer entsprechend hohen Belastung der Energie und einer Entlastung der direkten Steuern.“ Die höheren Energieabgaben in Deutschland hätten gezeigt, dass damit die starken Zuwächse der Co2-Belastung im besonders kritischen Verkehrsbereich (plus 50% seit 1990) deutlich gebremst wurden.

„Wir müssen aber auch darauf achten“, so Rosenberger, „dass das Zertifikatesystem, wie es die EU zur Verminderung des CO2-Ausstoßes in der Industrie und E-Wirtschaft vorhat, nicht verwässert wird.“ Erst vergangene Woche hat die E-Wirtschaft gegen die Zuteilung der Emissions-Mengen (Zertifikate) durch das Umweltministerium laut protestiert. Sie will ein um zwei Millionen Tonnen höheres CO2-Kontingent, als in der österreichischen Klimastrategie vorgesehen ist.

Mehr Naturkatastrophen

Rosenberger bedauert, dass das Bewusstsein für den verantwortlichen Umgang mit der Umwelt seit Mitte der 90er Jahre wieder zurückgeht. Der Schock von Tschernobyl (1986), der Brundtland-Bericht der UNO-Kommission für Umwelt und Entwicklung (1987) und der konziliare Prozess der Kirchen Europas für „Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ (Basel 1989) hätten die Welt offenbar nur vorübergehend wachgerüttelt, bedauert Rosenberger. Dabei gehe die wachsende Zahl schwerer Naturkatastrophen in den vergangenen 30 Jahren (Berechnungen der Versicherungswirtschaft) nach Meinung von immer mehr Experten eindeutig auf die Klimaerwärmung der Erde zurück.

Seine Aufgabe als Theologe sieht Michael Rosenberger in zwei Richtungen. Im Dialog mit der Gesellschaft gehe es darum, aufzuzeigen, dass wir mit unserem derzeitigen Lebensstil die Lebens- und Entwicklungschancen künftiger Generationen und benachteiligter Regionen der Welt massiv gefährden. „Es handelt sich dabei um eine zentrale Frage der Gerechtigkeit. Da darf die Theologie nicht schweigen.“

Auftrag der Bibel

Im kirchlichen Umfeld sieht Rosenberger seine Aufgabe darin, bewusst zu machen, dass sozial gerechtes und umweltverträgliches (nachhaltiges) Handeln ein Grundauftrag der Bibel ist. Er verweist dabei auf die Schöpfungsberichte des Alten Testamentes und auf die Noah-Geschichte: Gott schließt seinen Bund mit Noah, seinen Nachkommen in allen Generationen und mit allen Lebewesen der Erde.

Einen „hoch aufgeladenen Impuls für Gerechtigkeit“ sieht Rosenberger auch in der Eucharistie. „Das Teilen des Brotes macht deutlich, dass in der Gemeinschaft Jesu alle gleichwertig sind. Diese Gemeinschaft schließt für mich auch die nichtmenschliche Schöpfung ein.“ Rosenberger verweist dabei auf das Markus-Evangelium: Bevor Jesus das nahende Reich Gottes verkündet, lebte er „gemeinsam mit den wilden Tieren“ in der Wüste. Da werde die ursprüngliche Idee vom Paradies, in dem der Mensch im Einklang mit der ganzen Schöpfung lebt, auf Jesus und das Reich Gottes hin bezogen. „Deshalb ist für mich in der Eucharistie, dem zentralen Symbol für den Anbruch des Reiches Gottes, die ganze Schöpfung mit um den Tisch versammelt. Das vierte Hochgebet lässt das auch anklingen, wenn es heißt, dass wir beim ewigen Gastmahl Gott mit allen Geschöpfen loben.“




Sozialwort


„Zukunftsfähigkeit: Verantwortung in der Schöpfung“ heißt das achte Kapitel des Sozialwortes der Kirchen Österreichs. Es enthält Selbstverpflichtungen der Kirchen und Forderungen an die Politik und die Wirtschaft.

– Die Kirchen verpflichten sich darin, eine Spiritualität der Schöpfung zu pflegen und die Schöpfungsverantwor-tung in ihrer Bildungsarbeit zu fördern. Sie wollen für die Umweltarbeit bezahlte Leute zur Verfügung stellen und mit Energiebilanzen über ihre Praxis Rechenschaft ablegen. In ihren Einrichtungen und in ihrer Missions- und Entwicklungsarbeit wollen die Kirchen auf Nachhaltigkeit achten. (298–303)
– Die Kirchen fordern, das Prinzip der Nachhaltigkeit in der Politik nationaler Regierungen und internationaler Organisationen zu verankern. Multinationale Menschenrechts- und Umweltabkommen sollen gegenüber Handelsabkommen aufgewertet werden. In der EU soll sich Österreich für hohe ökologische und soziale Standards einsetzen. Die Unternehmen sollen sich durch klare Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtskriterien zu einem verantwortungsvollen Verhalten verpflichten. (304–308)
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