Acht Mal wird zwischen 5. und 7. April auf wichtigen Durchzugsstraßen in Tirol und Salzburg der Verkehr stillstehen. „Es geht um die Gesundheit der Menschen. Und da ist Feuer am Dach“, sagt Fritz Gurgiser vom Transitforum.
Unter dem Slogan „Ostern aktiv – Vorrang für die Gesundheit“ kommt es zwischen 5. und 7. April zur bisher breitesten Protestaktion gegen die wachsende Verkehrslawine im Alpenraum. Auf der Fernpass- und Lofererstraße sowie auf der Inntal- und Tauernautobahn werden insgesamt acht mehrstündige Versammlungen abgehalten. Das Transitforum Austria und die anderen Mitwirkenden haben für ihre Aktionen auch den Segen der Bischöfe von Innsbruck und Salzburg.
Lebensraum in Gefahr
Die Karwoche wurde für die Aktionen bewusst gewählt, „weil das eine Zeit ist, wo der Mensch zur Ruhe und zum Nachdenken kommen sollte“, meint der Obmann des Transitforums Austria Fritz Gurgiser. Er hoffe sehr, dass nicht nur die Leute, die sich an den Aktionen beteiligen, den Ernst der Lage begriffen haben, sondern dass auch die Politiker endlich erkennen, wieviel es geschlagen habe. „Wir haben das ständige Herumlavieren und die halbherzigen Lösungen satt. Es geht nicht mehr um ein paar Prozent mehr oder weniger Verkehr, es geht um die ernste Gefährdung der Gesundheit von Zehntausenden Menschen und und es geht um ihren Lebens- und Wirtschaftsraum“, betont Gurgiser.
Die Alpentäler seien für die Schadstoff- und Lärmbelastung durch den ständig zunehmenden Verkehr besonders sensible Gebiete. Derzeit wachse aber auch in anderen Regionen Österreichs, wie an der Westautobahn oder im Raum Feldkirch, der Widerstand, berichtet Gurgiser. „Wenn die Politik nicht rasch wirksame Maßnahmen zur Eindämmung des Straßenverkehrs setzt, wird daraus ein Flächenbrand.“
Ende des Taktierens
Das Transitforum richtet seine Forderungen nicht nur an die EU, sondern auch an die heimischen Politiker. „Wir sind es satt, dass die längst bekannten Probleme wie heiße Kartoffeln zwischen Brüssel, Wien, Innsbruck oder Salzburg ständig hin- und hergeschoben werden und sich dabei nur die betroffenen Bürger/-innen die Finger verbrennen“, meint Gurgiser. Die Vorschläge für eine menschen- und umweltverträgliche Verkehrspolitik lägen längst auf dem Tisch. „Wir haben auch durchaus brauchbare Gesetze, um schon jetzt wirksame Maßnahmen zu setzen.“ Gurgiser verweist auf die Alpenschutzkonvention, auf den EU-Beitrittsvertrag und das Luft-Immissionsgesetz. Sie müssten nur konsequent angewandt werden.
Handeln ist gefordert
Wie wenig die gesetzlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, zeigen Beispiele. Seit dem Jahr 2002 liegt die Stickoxydbelastung (NO2) im Unterinntal deutlich (derzeit um 30%) über den EU-zulässigen Grenzwerten. Am 1. Oktober 2002 wurde die Autobahn zwischen Kundl und Hall zum Sanierungsgebiet erklärt und mit einem Lkw-Nachtfahrverbot belegt. Aber um den regionalen Schwerverkehr zu schonen, gilt das Tal selber aber nicht als Sanierungsgebiet. Also rollt jetzt auch immer mehr Transitverkehr über die Bundes- und Landesstraßen durch das Inntal. Die Autobahnmaut habe diesen Druck verstärkt. Im Oberinntal habe der Schwerverkehr auf der Bundesstraße durch die Maut-Ausweicher um 61 Prozent zugenommen.
Maßnahmen dagegen gebe es keine. Auch die Ausweichrouten über die Fernpass- und die Felbertauernstrecke würden immer beliebter. „Unsere Warnungen vor Einführung der Maut wurden einfach ignoriert. Jetzt leiden die Menschen, durch deren Orte sich wieder der Schwerverkehr zwängt“, ärgert sich Gurgiser. In der Schweiz werde unabhängig von der Straße jeder gefahrene Lkw-Kilometer bemautet. Daher gebe es auch keine Schleich- und Ausweichrouten.
Nicht überraschend kommt für Gurgiser, dass seit dem Ende des alten Vertrages (31. 12. 2003) der Lkw-Transitverkehr um elf Prozent gewachsen ist. „Was aber tut Österreich, damit die im EU-Beitrittsvertrag festgelegte Verminderung der NO2-Belastung aus dem Lkw-Transit um 60 Prozent (gegenüber 1991) endlich eingehalten wird? Derzeit haben wir eine Steigerung.“ Es gebe zwar eine Klage gegen die EU, aber „wirksame Maßnahmen fehlen, sodass uns in Brüssel niemand mehr ernst nimmt“, fürchtert Gurgiser.
Zur Sache
Die Gesundheit
Über 1000 Tiroler Ärzte haben bisher vergeblich gegen die wachsende Schadstoff- und Lärmbelastung durch den Verkehr protestiert. Ein Lungenfacharzt meinte diese Woche, dass die Lebenserwartung der Kinder im Inntal um zehn Jahre sinken könnte, wenn die Verkehrsbelastung weiter so zunehme. Erst vergangene Woche warnte auch die Kärntner Ärztekammer vor den wachsenden Gesundheitsschäden durch den Verkehr. Sie wandte sich ausdrücklich gegen den Ausbau der zweiten Röhren des Katschberg- und des Tauerntunnels. Dadurch würde sich der Verkehr in 15 Jahren verdreifachen. Schon jetzt stellen die Ärzte im ehemals gesunden Liesertal einen auffälligen Anstieg von Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen fest. Der Grund seien die Schadstoff- und Lärmbelastung durch die Tauernautobahn. Sie warnen vor der „Horrorvision“ der Verödung und des Niedergangs eines ganzen Tales.