Am Montag hat die Caritas in Wien die Vermittlung von Schlafplätzen für Flüchtlinge eingestellt. Für Kardinal Schönborn ist das ein „verzweifelter Aufschrei“.
Am Montag stellte das Asylzentrum der Caritas in Wien die Vermittlung von Schlafplätzen für Flüchtlinge ein. Der Zustand war unhaltbar geworden, sagen Caritas-Mitarbeiter. „Täglich stehen 120 und mehr Leute vor der Tür, die keine Unterkunft haben und von der Polizei oder den öffentlichen Betreuungseinrichtungen zu uns geschickt werden. Aber wir und die anderen privaten Hilfseinrichtungen haben nicht einmal mehr Matratzen in den Notquartieren frei“, betont Andreas Lepschi von der Caritas. Auch von den anderen Bundesländern werde gemeldet, dass die Caritas-Quartiere längst überbelegt seien. „Da spekuliert die Politik damit, dass wir als Caritas oder Diakonie es nicht übers Herz bringen, Leute, die nicht wissen wohin, einfach abzuweisen. Aber wir können nicht mehr“, sagt Lepschi. Er verstehe nicht, warum es dem Innenministerium und den Ländern nicht schon jetzt möglich sein soll, 1000 zusätzliche Quartiere in Österreich aufzutreiben. Ab 1. Mai gilt der Betreuungsvertrag, in dem sich Bund und Länder verpflichten, alle mittellosen Flüchtlinge unterzubringen. Bis jetzt, so Lepschi, habe er nicht viel Zuversicht, dass dieser Vertrag auch eingehalten wird. Da in den vergangenen Tagen auch immer mehr Flüchtlinge, die von der Bundesbetreuungsstelle Traiskirchen auf die Straße gestellt worden sind, an die Türen der Caritas Wien klopften, sah man keine andere Wahl mehr, als die Vermittlung von Schlafplätzen einzustellen, betont Tanja Kraushofer. Kardinal Christoph Schönborn stellte sich im Gespräch mit der Kirchenzeitung voll hinter diese Maßnahme. Er sehe das als einen „verzweifelten Aufschrei“. So könne man mit den Mitarbeitern der Caritas und den betroffenen Flüchtlingen, darunter auch zahlreiche Familien mit Kindern, nicht umgehen. „Wenn jedes Bundesland – so wie jetzt Wien – nur 70 zusätzliche Plätze ermögliche und gleichzeitig versuche, einen Teil der geplanten Grundversorgungsquartiere bereits vor dem 1. Mai zu öffnen, gibt es innerhalb weniger Stunden das Problem der Obdachlosigkeit von schutzbedürftigen Familien und Kindern nicht mehr“, rief Caritas-Präsident Franz Küberl dazu auf, den „derzeit beschämenden Zustand rasch zu beenden“.
Versprechen gebrochen
Scharfe Kritik an der Situation übte auch Pfarrer Michael Chalupka von der evangelischen Diakonie. „Innenminister Ernst Strasser hat sein vor Weihnachten gegebenes Versprechen, dass auch in der Übergangszeit bis 1. Mai kein Flüchtling auf der Straße stehen wird, gebrochen.“ Tatsache sei, dass die Bundesbetreuung nicht funktioniere, obwohl es genügend Quartiere gebe. „Die politisch Verantwortlichen aber haben nicht den Mut, diese Quartiere zu öffnen, weil die Bürgermeister dagegen sind.“ Der Innenminister habe sich mit seiner Festlegung, nichts gegen den Willen der Bürgermeister zu tun, in eine Sackgasse manövriert. Chalupka forderte alle Politiker auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Als „positives Beispiel“ nannte er Landeshauptmann Josef Pühringer. Er habe alle Bürgermeister und Hilfsorganisationen eingeladen, um mit ihnen nach Lösungen zu suchen.