Sozialwort Diskussion in Ried im Innkreis: v. l. n. r.: Bürgermeister Johann Hingsamer, Bischof Maximilian Aichern, Pfarrer Mag. Werner Leidenfrost und Entwicklungsberater Mag. Ferdinand Reindl.
Es ist eine Frage des Blickwinkels, ob man eher die Chancen oder die Probleme des ländlichen Raums sieht.
Bei der Diskussion zum Ökumenischen Sozialwort am 21. April 2004 im Bildungshaus St. Franziskus in Ried/I. wurde mehr von den Chancen gesprochen als von den Problemen. Aber auch sie wurden beim Namen genannt.
Faire Preise
Bischof Maximilian Aichern bezeichnete die Bauern als „Mitschöpfer“ der Natur, die nicht nur Nahrungsmittel produzieren, sondern den ländlichen Raum pflegen. Das soziale Leben funktioniere am Land noch vielerorts gut, aber es gibt auch versteckte Armut und wirtschaftliche Probleme, etwa wenn Nahversorger (Post, Schulen, Geschäfte ...) abwandern. Der Bischof mahnte, bereit zu sein, „faire Preise für natürliche Produkte“ zu zahlen. In eine ähnliche Kerbe schlug Pfarrer Mag. Werner Leidenfrost von der Altkatholischen Kirchengemeinde Ried im Innkreis: Was eine kleine Kirche tun könne? – Den Menschen bewusst machen, wie wichtig es ist, dort, wo sie leben, auch ihr Geld zu lassen. So tragen sie bei, die Zukunft des ländlichen Raums zu sichern. Die ökologische Bewirtschaftung ist arbeitsintensiv und teuer und braucht Kunden. „Die Menschen denken hier oft nicht mit, schauen nur auf die eigene Geldtasche“, sagte Pfarrer Leidenfrost.
Bürgerbeteiligung
Der Entwicklungsberater für ländliche Gemeinden, Mag. Ferdinand Reindl, sieht in den Veränderungen keine Krise des ländlichen Raums, sondern enorme Chancen – vorausgesetzt, die Bürger werden aktiv an der Gestaltung ihres Lebensraums beteiligt. Umweltgerechte, sozial verträgliche und ökonomisch vertretbare Wirtschafts- und Lebensweise sind für Reindl eine Frage der Spiritualität. Sie stellt sich der Frage: Was ist uns etwas wert?
Handeln statt jammern, empfahl der Eggerdinger Bürgermeister und Landtagsabgeordnete Johann Hingsamer. Erneuerbare Energien bringen beispielsweise Chancen. Das ehrgeizige Ziel des Landes Oberösterreich, den Anteil der erneuerbaren Energie an der Gesamtenergieaufbringung von derzeit drei auf sechs Prozent zu steigern, lasse hoffen. Hingsamer weist darauf hin, dass nur vier Handelsketten 82 Prozent aller Lebensmittel absetzen. Es sei möglich, überall Lebensmittel zu kaufen, Heimat könne aber nicht importiert werden ...
Zügeln für den Markt
In der Diskussion wurde u. a. betont, wie wichtig die Solidarität zwischen Wirtschaft und Landwirtschaft (Bauernmärkte, Gewerbebetriebe auf Höfen ...) ist. Die Asylfrage wurde mehrmals aufgegriffen, wobei kleinere Quartiere, verteilt übers Land, als gute Voraussetzung gesehen werden, dass Integration gelingt? Die Freizügigkeiten als oberste Prinzipien der EU wertete ein Diskutant als alarmierendes Zeichen: Es gehe nur mehr um Zunahme und Steigerung. Manche nützen dies rücksichtslos aus. Landtagsabgeordneter Hingsamer distanzierte sich klar von einer grenzenlosen Liberalisierung, wie sie Ziel der Welthandelspolitik sei. „Politik muss auch dann und wann Grenzen setzen.“ Bischof Aichern zitierte dazu aus dem Sozialwort: „Die Kirchen sind skeptisch gegen freie Märkte ohne regelnde Rahmenbedingungen.“ Dem Markt müssen Zügel angelegt werden.