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Näher bei den Menschen sein

Erstmals in Österreich: In der Diözese Innsbruck übernimmt eine Frau das Seelsorgeamt
Ausgabe: 2004/20, Innsbruck, Seelsorgeamt, Rathgeb, Priestermangel, Vorschusslorbeeren, Diözesanforum
11.05.2004
- Hans Baumgartner
Ab September wird Elisabeth Rathgeb das Seelsorgeamt der Diözese Innsbruck leiten. Sie setzt auf die vielen engagierten Mitarbeiter/-innen und auf den Heiligen Geist.

Sie werden die erste Seelsorgeamtsleiterin Österreichs sein. Dabei werden sie vorwiegend mit Männern zusammenarbeiten. Ist das für Sie ein Problem?

Rathgeb: Soweit das mich angeht, sehe ich darin kein Problem. Ich habe in meinem Leben schon einige Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt: Als ich mit 13 Jahren zur Musikkapelle Ranggen kam, war ich eine von drei Frauen unter 35 Männern. Sechs Jahre habe ich die Landjugend im Bezirk Innsbruck geleitet. Ich war Pfarrgemeinderatsobfrau und erste Abteilungsleiterin im Seelsorgeamt. Und vor acht Jahren wurde ich als erste Frau Österreichs zur Leiterin eines diözesanen Bildungshauses bestellt.

Ohne Vorschusslorbeeren

Bei meinem Anfang im Bildungshaus St. Michael habe ich schon gemerkt, dass einem als Frau in einer Leitungsposition ein gewisser Misstrauensvorschuss entgegenschlägt. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Und nach ein, zwei Jahren gab es mit vielen Leuten aus der Diözese – auch mit dem Klerus – eine wirklich gute Zusammenarbeit. Aber ich weiß um die Vorbehalte und sie waren auch ein Grund, warum ich lange überlegt habe, das neue Amt anzunehmen. Aber ich wollte auch nicht kneifen, weil ich überzeugt bin, dass es auch der Kirche gut tut, wenn mehr Frauen in Führungsämtern tätig sind.

In der Kirche wird heute viel über Priestermangel, schrumpfende Gemeinden, Verdunsten des Glaubens etc. geklagt. Wie wollen sie dieser resignativen Stimmung begegnen?

Rathgeb: Es ist mir ein großes Anliegen, dass wir angesichts der gegebenen Schwierigkeiten nicht in ein allgemeines Jammern verfallen. Und daher ist für mich ein Grundsatz, den ich in der Gemeindeberatung gelernt habe, sehr wichtig: Arbeite mit dem, was da ist, mit der gegebenen Situation, mit den Menschen, die zur Verfügung stehen – und nicht mit Wunschvorstellungen, wie es sein könnte oder einmal war. Ich bin überzeugt, dass sich so gemeinsam mit den vielen engagierten Mitchrist/-innen gute und kreative Lösungen erarbeiten lassen. Kraft gibt mir dabei auche meine spirituelle Grundhaltung, dass es nicht auf mich oder uns allein ankommt. Der Heilige Geist hat sich ja nicht verabschiedet. Er ist mit uns auf dem Weg.

Auf die Bedürfnisse schauen

Sie haben im Diözesanforum und beim Projekt „Zukunft Kirche“ an neuen Weichenstellungen mitgearbeitet. Wo sehen Sie zukunftsweisende Ansätze?

Rathgeb: Wir fangen ja nicht bei Null an. Vieles ist in den vergangenen Jahren ja schon auf den Weg gebracht worden. Und – bei allen Problemen – wir sind ja kein kirchliches und religiöses Entwicklungsland. Im Gegenteil, wir haben ein Riesenpotential in der Kirche, um das uns viele beneiden. Ich meine damit die vielen engagierten Priester, Ordensleute, Diakone, Theolog/-innen und ehrenamtlichen Mitarbeiter/-innen. Ihre Arbeit zu unterstützen und anzuerkennen, ist mir ein großes Anliegen. Deshalb werde ich versuchen, möglichst rasch mit den Dekanaten und Gemeinden einen guten Kontakt aufzubauen, um mit ihnen gemeinsam zu schauen, was sie für ihre Arbeit von der „Zentrale“ brauchen. Ich sehe das Seelsorgeamt in erster Linie als ein Unterstützungszentrum, das sich an den Bedürfnissen jener orientiert, die in den Gemeinden, Kliniken, Altenheimen etc. ihre Arbeit tun. Diesen Weg des Dialogs möchte ich auch gehen, wenn es um konkrete pastorale Planungen und Maßnahmen geht, etwa für eine Region oder eine bestimmte Zielgruppe. Schöne Ideen sind gut, aber sie müssen vor Ort verankert sein, den realen Bedürfnissen, Gegebenheiten und Möglichkeiten entsprechen und von den Betroffenen getragen sein.

Geistliche Nahversorgung

Heute ist oft von einer wachsenden spirituellen Suche die Rede. Sie findet aber häufig neben der Kirche statt. Wie nehmen Sie diese Herausforderung an?

Rathgeb: Tatsache ist, dass es eine neue spirituelle Sehnsucht gibt während gleichzeitig viele unserer Kirchen immer leerer werden. Ich meine, wir müssen wieder näher an die Menschen herankommen und ganz konkret mit ihnen das Leben und den Glauben teilen. Durch den wachsenden Priestermangel ist viel an persönlicher spiritueller Begleitung versickert. Glaube aber lässt sich nicht im „Fernstudium“ lernen, dazu braucht es Menschen, die sich mit anderen auf den Weg machen, die am Ort greifbar sind.

Deshalb möchte ich einen ganz besonderen Akzent auf die „spirituelle Nahversorgung“ setzen und das Netz von „geistigen Brunnen“ gezielt ausbauen. Ich meine damit die Förderung, Ausbildung und Begleitung von engagierten Frauen und Männern, die bereit sind, Exerzitien im Alltag oder Bibelrunden zu leiten, die sich in der Sakramentenvorbereitung engagieren, die Kranke, Sterbende und Trauernde begleiten oder die mit spirituellen Kirchenführungen neue Glaubenszugänge öffnen. Dazu ist es notwendig, unsere Bildungshäuser als fachliche und spirituelle „Kompetenz- zentren“ zu stärken und unterstützende Angebote und Netzwerke für jene aufzubauen, die mithelfen, den Glauben im konkreten Leben der Menschen zu erden.




Zur Person

Mag. Elisabeth Rathgeb ist 1966 in Innsbruck geboren und in Ranggen aufgewachsen. 1985 maturierte sie an der HBLA für landwirtschaftliche Frauenberufe Kematen. Nach Abschluss ihres Studiums (Theologie und Geschichte) arbeitete sie als Pastoralassistentin und Religionslehrerin an der HAK. 1996 schloss sie ihre Ausbildung zur Gemeindeberaterin ab. Im selben Jahr wurde sie zur Leiterin des Bildungshauses St. Michael bestellt. Seit heuer hat sie einen Lehrauftrag an der Uni Innsbruck. Rathgeb war in vielen Bereichen auch ehrenamtlich tätig. Ausschlaggebend für ihr Theologiestudium und ihre Arbeit in der Kirche war die schwere Krankheit und der Tod ihrer 17-jährigen Freundin. „Ich wollte etwas studieren und etwas tun, wo es um die we-sentlichen Fragen des Lebens geht. Da sehe ich in der Kirche ein großes Arbeitsfeld.“
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