„Karl Rahner war der wichtigste katholische Theologe des 20. Jahrhunderts“, so Dr. Franz Gruber. Der Professor für Dogmatik an der KTU Linz erklärt Rahners Bedeutung für heute.
Was hat Karl Rahner in die Theologie und Kirche eingebracht?
Er hat die vorkonziliare Theologie, die sich gegen die moderne Gesellschaft verschlossen hatte, überwunden. Damit wurde die Theologie mit der Kultur der Gegenwart wieder gesprächsfähig. Rahner ist aber nicht nur als Wissenschafter bedeutend, sondern auch für das Christsein im Alltag. Er hat betont, dass sich Gott nicht in Rituale und Begriffe einfangen und festhalten lässt, sondern dass Gott mehr ist: Gott ist Gnade und als Gnade ist er in jedem Menschen. Die Grunderfahrung Gottes ist die Erfahrung von Gnade.
Ihre Einschätzung von der Bedeutung Rahners teilen traditionell orientierte Gruppen in der Kirche nicht ...
Sie werfen Rahner vor, den Menschen statt Gott zum Zentrum der Theologie gemacht und den Glauben verwässert zu haben. Das ist Unsinn. Gelebtes Christsein hieß für Rahner nie Anpassung an den Zeitgeist, sehr wohl aber sich den Fragen der Zeit zu stellen. Und darum hat er nachdrücklich Veränderungen und die Erneuerung der Kirche eingemahnt.
Worauf hat er gedrängt? Aus der Vielzahl der Anregungen kann ich nur wenige herausgreifen. Rahner forderte die Gemeinden auf missionarischer zu werden. Sie sollten mehr Kraft investieren, neue Menschen zu gewinnen, und nicht nur ängstlich trachten, niemanden zu verlieren. Rahner hat auch die Kirche herausgefordert ihre Amtstheologie zu überdenken und deutlich gesagt, dass er keine theologischen Gründe sieht, warum es nur männliche, zölibatäre Priester geben soll.
Für ihn war klar, dass ein Christentum nur dann Zukunft hat, wenn die Gläubigen aus der Gegenwart Gottes heraus leben. Er brachte das auf den Punkt in dem berühmt gewordenen Wort: Der Fromme, der Christ der Zukunft, wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.
Wenn man auf die heutige Situation der Kirche schaut, hat sich die Öffnung gelohnt?
Ich könnte mir eine Kirche ohne das 2. Vatikanische Konzil nicht vorstellen, zu dessen Wegbereitern Rahner gehört. Für die heutige Welt wäre eine Kirche ohne das 2. Vatikanum eine kulturelle Katastrophe. Eigentlich muss man sagen: Rahner kam um hundert Jahre zu spät. Er musste im Wesentlichen theologische Probleme des 19. Jahrhunderts lösen, die Mitte des 20. Jahrhunderts noch immer unbearbeitet waren.
Wie Rahner Konzilstheologe wurde
Anekdote
Papst Johannes XXIII. fragte Kardinal Franz König, ob er nicht einen Theologen aus Österreich wüsste, der beim Konzil mitarbeiten könnte. Kardinal König antwortete, dass er einen wüsste, und zwar Karl Rahner, aber der sei gerade vom Sanctum Officium (der heutigen Glaubenskongregation) mit einem Publikationsverbot belegt worden. Darauf der Papst zu Kardinal König: „Stört Sie das?“ Königs Antwort: „Nein.“ „Mich auch nicht“, schloss der Papst das Gespräch und Karl Rahner war Konzilstheologe.
Prof. Ferdinand Klostermann erzählte diese Anekdote Dr. Wilhelm Zauner, emeritierter Professor für Pastoraltheologie.<7b>