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Kinder suchen immer öfter Hilfe per Telefon

Telefonseelsorge verzeichnet deutlich mehr Anrufe von Kindern
Ausgabe: 2004/23, Familienseite, Telefonseelsorge, Kinder, Hife, Telefon, Lehner, Not, Notfälle
01.06.2004
- Elisabeth Leitner
DCF 1.0
DCF 1.0
Ihren „Reibebaum“ suchen Kinder immer öfter per Telefon. Die Erfahrung, wie weit sie gehen können, machen sie in vielen Fällen nicht mehr daheim. Sie greifen zum Hörer. Innerhalb von nur 3 Monaten haben Kinder und Jugendliche 36.552 mal die Ziffernkombination 1 4 2 der Telefonseelsorge in Österreich gewählt. Viele wollen einfach nur eine Mutprobe ablegen. Für andere ist es der Wunsch, eingebunden zu sein in einer Gruppe – und sie wollen über ihre Enttäuschungen reden. Oder: Ein achtjähriges Mädchen traute sich nicht nach Hause, weil die Mutter eine Packung Zigaretten bei ihr entdeckt hat. Manchmal geht es um Hilfe für einen Mitschüler, von dem sie wissen, dass er Drogen nimmt. Sie wollen ihn nicht verpetzen, aber wie kann man ihm dann helfen? Auch das ist eine Erfahrung der Telefonseelsorger/innen: Die starke Betonung von Sexualität in Medien und Werbung verunsichert Kinder und Jugendliche und setzt sie einem „Handlungsstress“ aus, dem sie kaum gewachsen sind.




Auf der Suche nach Zuhörern


„Kinder ohne Anschluss“ suchen bei Telefonseelsorge Ansprechpartner


Eine Flutwelle von Kinderanrufen erlebt die Telefonseelsorge seit drei Jahren. Hinter Jux und Tollerei steht das Bedürfnis gehört und wahrgenommen zu werden. Fehlen den Kindern die Ansprechpartner?

Mit piepsiger Stimme meldet sich etwa eine 13-Jährige bei einer Mitarbeiterin. „Ich bin schwanger“, hüstelt sie ins Telefon. Im Hintergrund hört man Kinder tuscheln. Die Telefonseelsorgerin weiß mit der Situation umzugehen. Sie fragt nach: „Was interessiert dich denn an diesem Thema?“, und hakt nach: „Meinst du nicht, es wäre besser, du rufst wieder an, wenn du alleine bist?“ – Schnell wird klar, ob der Anruf eine Mutprobe war oder doch ernst gemeint.

Test- und Belästigungsanrufe von Kindern sind durch die Möglichkeit mit Handy zu telefonieren in den letzten drei Jahren deutlich gestiegen. Oftmals geht es vordergründig darum, eine Mutprobe vor Freunden zu bestehen. Dahinter steckt in vielen Fällen das Bedürfnis, von Erwachsenen wahr- und ernst genommen zu werden und Rückmeldungen zu bekommen.

150.000 Anrufe


Jährlich gibt es 150.000 Anrufe von Kindern bei der Telefonseelsorge. Über 36.000-mal haben Kinder und Jugendliche innerhalb von drei Monaten in ganz Österreich zum Hörer gegriffen und die Nummer der Telefonseelsorge gewählt. Dieser Zeitraum wurde im Rahmen der Studie „Kinder ohne Anschluss“ genau analysiert, um Gründe für den Anstieg von jugendlichen Anrufern zu finden.

Das Thema, das Kinder und Jugendliche am meisten bewegt, ist der Wunsch nach „Selbstdarstellung“ (2.513 Anrufe). Wer bin ich? Wer kann ich sein? Wie reagieren Menschen auf mich? Der Wunsch bei „142“ vorzusingen, um zu wissen, ob man für Starmania geeignet sei, war daher in den letzten drei Jahren kein Einzelfall.Sepp Gröfler, Leiter der Telefonseelsorge in Vorarlberg, meint dazu: „Das Grenzensetzen in der Familie wird immer weniger. In den Gesprächen mit uns probieren Kinder aus, wie weit sie gehen können. Wenn man ihnen Grenzen setzt, dann kommt oft ein ernsthaftes Gespräch zu Stande. Die jugendlichen Anrufer/innen suchen Ansprechpartner/innen und jemand, der ihnen zuhört.“

Bei Anrufen aus dem ländlichen Raum geht es um Hilfe bei Schulaufgaben. Auch bei genauem Nachfragen findet sich oft niemand in der Umgebung, der Unterstützung geben könnte. Dass die Regelung der Nachmittagsbetreuung von Kindern ein „menschliches Thema“ ist, das geklärt werden muss, ist dabei offenkundig geworden. Viele Kinder ohne Betreuung würden das nachmittägliche Fernsehangebot zur Ablenkung nutzen. „Sexualität und Beziehungsprobleme sind Themen, die in den Talks-Shows halbstündlich abwechseln“, erzählt Gröfler. Diese sexualisierte Sicht der Welt spiegelt sich auch in der Welt der Kinder. „Erstaunlich ist dabei, unter welchem Stress bereits 13-Jährige stehen sich sexuell betätigen zu müssen. Die mangelnde Aufklärung bzw. Sorglosigkeit unter Jugendlichen macht dabei nachdenklich“, sagt Manja Lehner von der Telefonseelsorge Linz. Die Telefonseelsorger/innen vermuten, dass die starke Betonung von Sexualität vor allem in den Medien bei Kindern und Jugendlichen immer früher Handlungsstress und Gefühle der Überforderung erzeugt.Beim Thema „Aggression“, das als zweithäufigstes Thema verzeichnet wurde, überwiegen die männlichen Anrufer.

Die Ernsthaftigkeit der Gespräche steigt mit dem Grad der persönlichen Betroffenheit. In Linz gab es im Jahr 2003 genau 2.028 Anrufe mit ernsthaftem Inhalt. Das sind zehnmal so viele Gespräche als vor zehn Jahren“, berichtet Manja Lehner.

Insgesamt leisten in Österreich jährlich 479 ehrenamtliche Mitarbeiter/innen 80.000 Stunden Dienst am Telefon.
TELEFONSEELSORGE NOTRUF: 142
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