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Fußball als Ohnmachtserfahrung

Linzer Theologe Ansgar Kreutzer: Der Fußball ist ein Symbol für die Unverfügbarkeit
Ausgabe: 2004/25, Fußball, Lask, Ried, Pasching, Kreutzer, Fans, Schalke, Vieböck, Vögerl, Wagner
15.06.2004
- Ernst Gansinger
Fußballfans –v. l. n. r.: Pfarrer Dr. Gerhard Wagner (beim Champions-League-Finale mit Windischgarstens Bürgermeister Ing. Norbert Vögerl), Pfarrhaushälterin Leopoldine Knoll und Bischofsvikar Wilhelm Vieböck.




Englische Fußballfans weinten. Fassungslos standen sie dem Unglaublichen gegenüber. Der „Fußballgott“ war ungnädig.

Es war das erste Spiel der Engländer bei der heurigen Fußball-Europameisterschaft (EM). Knapp vor Schluss führten sie gegen die Franzosen 1:0 und verloren dennoch 1:2! – Ähnliches passiert oft. Mit dem „Fußballgott“ hadern Fans, Spieler, Manager, Trainer, Klubpräsidenten. Dipl.-Theol. Ansgar Kreutzer, Assistent an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz, referierte am 9. Juni 2004 „Wie gnädig ist der Fußballgott?“– „Fußball“, so sein Befund „ist eine Ohnmachtserfahrung samt mythisch-ritueller Bewältigung“ (Rapidviertelstunde).

Unberechenbarkeit


Was ist so faszinierend am Fußball? – Ein Antwortversuch des Theologen Kreutzer: Der Fußball zerbricht den modernen Machbarkeitsmythos, er inszeniert Ohnmachtserfahrungen. Die Unberechenbarkeit macht seinen eigentlichen Reiz aus. Er sei ein Symbol dafür, was theologisch von Belang ist – die Unverfügbarkeit. Der bekennende LASK-Fan Bischofsvikar und Kirchenzeitungs-Herausgeber Wilhelm Vieböck sieht den Stellenwert des Fußballs in der Erholung und Abwechslung. Sein Terminkalender und die LASK- Heimspiele passen aber nur selten zusammen. „Ich habe auch als Pfarrer am Leben des örtlichen Fußballvereins Anteil genommen (Neuzeug ist derzeit in der 1. Klasse überlegener Tabellenführer!)“„Mein Mann und meine Söhne spielten bei Fußballvereinen und so wurde ich automatisch davon angesteckt“, sagt die bei dieser EM für Italien die Daumen drückende Pfarrhaushälterin Leopoldine Knoll aus Eferding. Sie ist treuer FC-Tirol-Fan. Zum Silbernen Priesterjubiläum bekam Pfarrer Dr. Gerhard Wagner von der Marktgemeinde Windischgarsten die Teilnahme am Champions League Endspiel AS Monaco gegen FC Porto in Gelsenkirchen geschenkt. Für Pfarrer Wagner, der das Fußballspiel im Kleinen als gemeinschaftsfördernd und im Großen als völkerverbindend schätzt, wurde es ein „einzigartiges Erlebnis“. Auf Pfarrebene spielt er selbst und schätzt die Bewegung. Er versucht, Brücken zu bauen, indem er hin und wieder auf den Sportplatz geht.

Religiöse Sprache


Fußball ist keine Ersatzreligion, aber im Fußballgeschehen wird immer wieder auch Anleihe an der religiösen Sprache genommen, und manchmal auch Gott ins Spiel gebracht, etwa wenn die Brasilianer im Kreis zusammenstehen und beten. Ansgar Kreutzer berichtete vom Manager des deutschen Fußballklubs Schalke, der meinte: „Ich glaube nicht mehr an den Fußballgott.“ Im letzten Spiel in der allerletzten Minute der Nachspielzeit verlor sein Verein die deutsche Meisterschaft an die Bayern. Im Vereinslied heißt es: „... wir stehen zu dir. Machst aus Schatten so viel Licht. Wir halten zusammen ewiglich...“

Anfeuern, nicht schmähen


Rapid-Fans haben im Stadion ein Transparent aufgehängt: „Die Hauptrolle in unserem Leben spielt Rapid.“ Medien schreiben „Zinedine Zidane Fußballgott“... – „Die mit dem Fußball verbundenen Orte, Zeiten und Handlungen werden ins Heilige gehoben“, sagt Kreutzer. „Spieltage sind der Fixpunkt, von dem aus Fans planen.“ Der Fußball zieht Massen an. „Die Begeisterung muss aber Grenzen haben und darf nicht, wie leider oft, in Schlägereien ausarten. Auch die verbalen Attacken sind oft sehr untergriffig“, bedauert Leopoldine Knoll. Ähnlich sieht es Wilhelm Vieböck. „Ein volles Stadion ist ein Erlebnis. Wichtig ist mir die positive Anfeuerung, nicht die Schmähung des Gegners oder Schiedsrichters.“ Dass soviel Geld im Spiel ist, stört beide.

Reservat der Erregung


Fußball und Religion haben ausdrückliche Bezüge und es gibt funktionale Ähnlichkeiten – Sinnstiftung, Riten. Für Kreutzer ist Fußball ein Theater der Gesellschaft. Der Sport sei ein Reservat für die zivilisierte Gesellschaft, um ihren Zwängen zu entkommen. Er biete Gelegenheit, der sonst verpönten Erregung innerhalb bestimmter Regeln freien Lauf zu lassen. Aggressionsabbau („auch bei mir selber“), Zusammengehörigkeitsgefühl und Unterhaltung – das sind für Wilhelm Vieböck die ausdrücklich positiven Seiten des Fußballs.

Ernst Gansinger

Lese-Tipp: „Sport&Kult“, Reihe „Kunst und Kirche“ 2/2004, 116 Seiten,
Verlag DAS BEISPIEL,
Auslieferung Österreich: VERITAS, Euro 11,–
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