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Sind keine blauäugigen Schönwetterpropheten

St. Gabriel ist eine Keimzelle des christlich-islamischen Dialogs
Ausgabe: 2004/28, Schönwetterpropheten, Keimzelle, Bsteh, Politik
07.07.2004
- Hans Baumgartner
„Runde Tische“ sind in der Politik meist dazu da, schwierige und strittige Fragen einer Klärung zuzuführen. Das gilt auch für den christlich-islamischen Dialog.

Vor fünf Jahren hat P. Andreas Bsteh als Initiative des Missionshauses St. Gabriel (Mödling) mit weiteren zwölf Wissenschafter/-innen aus Indien, Pakistan, Usbekistan, Saudi Arabien, Deutschland, Österreich, der Schweiz, dem Iran und dem Libanon ein neues Dialogforum (Vienna International Christian-Islamic Round Table) gegründet. „Nach mehreren Begegnungen waren wir an einem Punkt angekommen, wo wir eine vertiefte Form des Gesprächs aufnehmen wollten“, erinnert sich P. Bsteh. Am Dienstag dieser Woche präsentierte der „Runde Tisch“ mit einem Festakt erstmals öffentlich seine Arbeit.

Keine billigen Antworten

Am „Runden Tisch“ sitzen ausgewiesene Expert/-innen in verschiedenen Wissenschaftsbereichen, „die die Situation in ihren Ländern gut kennen und eine tiefe Verwurzelung in ihrem Glauben haben“, sagt Andreas Bsteh. „Was uns antreibt, ist die gemeinsame Überzeugung, dass es in Zukunft möglich sein muss, auf allen Ebenen wie Wirtschaft, Politik, Recht oder Gesellschaftsgestaltung eine Kultur des Dialogs aufzubauen, oder diese Welt wird sich in endlosen Konflikten aufreiben. Und wir sind überzeugt, dass dieser Dialog möglich ist.“ Unter Dialog versteht die Gruppe allerdings ein sehr anspruchsvolles Projekt. „Wir sind keine blauäugigen Schönwetterpropheten, die mit der Zauberformel ,Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu‘ eine Decke der Harmonie über alles breiten“, ärgert sich P. Bsteh über manche Vorbehalte. „Wir sind überzeugt, dass es Lö-sungsansätze für die großen Probleme unserer Zeit nur dann geben kann, wenn Menschen bereit sind, aus der eigenen religiösen und kulturellen Identität heraus dem anderen zu begegnen, sich zu öffnen und dann zu schauen, wo sind die Gemeinsamkeiten und wo die Differenzen.“ Dabei ist Andreas Bsteh ganz wichtig, „dass wir uns sehr ernsthaft den unterschiedlichen, ja auseinanderklaffenden Positionen stellen. Wenn wir in die Tiefe gehen, entdecken wir dabei oft Brücken der Gemeinsamkeit über scheinbar unüberwindliche Gräben. Im Dialog geht es uns nicht um den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern um Verständigung und tragfähige Antworten ohne die eigene Identität zu verbiegen. Das ist wie in einer Familie, wo eigenständige Persönlichkeiten ihre Ansichten und Probleme ausverhandeln. Es ist mühsam, aber auch schön. Voraussetzung dafür ist ein Klima, das es ermöglicht, sich dem anderen anzuvertrauen – auch in den eigenen Verlegenheiten und Unzulänglichkeiten.“

Alte Weltordnung

Das größte Problem heute sieht P. Andreas Bsteh nach vielen Erfahrungen darin, „dass es nach dem Ende des Kalten Krieges und nach dem Fall der Mauern und Stacheldrahtzäune nicht gelungen ist, eine neue Weltordnung aufzubauen. Wir haben keine Welt des Dialogs, sondern immer noch dominieren eine Supermacht und etliche Mittelgroße die Weltpolitik. Und sie sind nicht bereit, in einer partnerschaftlichen Kraftanstrengung die sündhaften Strukturen zu überwinden.“ Dadurch werde vielen Menschen, die in Armut, Unwissenheit und Ungerechtigkeit leben, Gewalt angetan. Es sei ein Skandal, dass die Rüstungsausgaben mehr als das Zehnfache der Entwicklungshilfe ausmachen, betont P. Bsteh. „In dieser Situation haben wir Christen und Muslime eine besondere Verantwortung, weil wir beide weltweit präsent sind und weil wir beide glauben, dass der Mensch von Gott geschaffen ist und daher eine absolute Würde hat. Wir wissen darum, dass Gott uns zur Rechenschaft ziehen wird, wie wir mit den von ihm geliebten Menschen umgegangen sind. Deshalb gibt es auch aus religiöser Sicht keine Alternative zum Dialog“, unterstreicht Andreas Bsteh.




Der gewachsene Dialog



Im Jahr 1977 hat P. Andreas Bsteh im Missionshaus St. Gabriel die erste christlich-islamische Dialogtagung durchgeführt. Es folgten weitere Gespräche. 1992 sprach Außenminister Mock P. Bsteh an, ob er nicht ein große Dialogkonferenz organisieren könnte. Der Hintergrund waren der Golfkrieg, der Palästinakonflikt und die neue Lage an der Südflanke der ehemaligen Sowjetunion. So kam es 1993 und 1997 zu den zwei großen christlich-islamischen Dialogrunden in der Wiener Hofburg. Die Themen waren der Friede und die Rolle der Religionen in einer pluralen Weltgesellschaft (Eine Welt für alle). Die Ergebnisse der Konferenz wurden in Deutsch, Englisch, Arabisch und Urdu (Sprache der Muslime in Indien und Pakistan) veröffentlicht. Parallel dazu kam von iranischer Seite der Wunsch nach ähnlichen Gesprächen. Daraus ergaben sich bislang drei Dialogrunden (1996, 1999 und 2003) mit nachfolgenden Publikationen. Im Jahr 1999 beschloss eine Gruppe von 13 Wissenschaftern ein neues Dialogprojekt. Im Jahr 2000 hielt der Vienna International Christian-Islamic Round Table seine Gründungsversammlung. 2002 und vom 3. bis 6. Juli 2004 fanden weitere Runde Tische statt. Dabei wurden die drängenden Fragen der Zeit, aber auch die Verstrickung der Religionen in Gewalt und Intoleranz sehr offen diskutiert. Die Ergebnisse wurden in mehreren Sprachen publiziert, damit sie wie ein Sauerteig in die islamische und christliche Welt hineinwirken.
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