Was hätten die Wochenendausgaben der Zeitungen geschrieben, was die Sonderjournale berichtet, wäre Thomas Klestil nicht unter dramatischen Umständen gestorben und das Amt des Bundespräsidenten am 8. Juli ganz normal übergeben worden? Erinnert man sich die Kommentare und Diskussionen, die rund um die Bundespräsidentenwahl zu lesen und zu hören waren, dann wäre wohl eine vorwiegend kritische Bilanz unterm Strich gestanden. Von einer „schweren Beschädigung des Amtes“ war da wiederholt die Rede, von ehrgeizigen Höhenflügen, die realpolitisch im Graben gelandet seien, oder von Klestils ungeschickter Nähe zu Hochglanz- und Boulevardpostillen. Die vielen Auslandsreisen des Präsidenten wurden als eine Art Flucht abgetan.
Durch den tragischen Tod des Bundespräsidenten wurden die Scheinwerfer plötzlich umgestellt. Das Positive trat in den Vordergrund, manchmal bis zur Fast-Heiligsprechung. Kardinal Christoph Schönborn meinte dazu treffend, es wäre schön gewesen, wenn Thomas Klestil etwas mehr von dieser Anerkennung und diesem Wohlwollen schon zu Lebzeiten hätte erfahren können. Auch mehr Wertschätzung für den guten Ruf, den er im Ausland genossen hat, wie die vielenTrauergäste zeigten.
Wohl auch an die Adresse der Kirche gerichtet hat Schönborn das Wort von der notwendigen Barmherzigkeit. Der Kardinal hat das Dilemma des Scheiterns von Klestils Ehe sehr offen angesprochen – und auch seiner ersten Frau Raum gegeben. Diese Ehrlichkeit verdient Respekt. Noch mehr aber das Eingeständnis, dass die Kirche in diesen Fragen immer wieder den Weg zwischen Norm und Barmherzigkeit neu suchen müsse.