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Gott hat auf das Fleisch gesetzt

Gott, Glück und Gesundheit – Von den Erwartungen an ein gelingendes Leben.
Ausgabe: 2004/30, Kremsmünster, Sommerakademie, Gesundheit, Glück,
26.07.2004
- Matthäus Fellinger
Gesundheit ist ein hohes, aber nicht das höchste Gut. In Kremsmünster begaben sich Medizin, Theologie und Kirche auf die Suche nach Gesundheit, Glück und Gott.

"Ein gesundes Verhältnis zur Krankheit ist eingetauscht worden gegen ein krankes Verhältnis zur Gesundheit." So beschreibt der Augsburger Moraltheologe Klaus Arntz eine Entwicklung der Zeit. Der Zusammenhang von Gesundheit und Glück – und wie sich das im Glauben an Gott verstehen lässt, stand im Zentrum der Ökumenischen Sommerakademie vom 14. bis 16. Juli im Stift Kremsmünster. Mit über 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gab es bei der zum sechsten Mal durchgeführten Akademie einen Besuchsrekord. Ein Zeichen, wie aktuell die Thematik ist.

Nie jung, schön, fit genug


Das Geschäft mit der Gesundheit ist eine Wachstumsbranche. Doch "wir können uns selber nicht glücklich machen!" Diese Aussage stellte der prominente Tübinger Theologe Eberhard Jüngel ins Zentrum seiner Überlegungen. Glück "widerfährt" einem Menschen. In einem "übereinstimmenden Leben" vermag das Glück manchmal für einen Augenblick aufleuchten. Und selbst die Frage nach dem Sinn tritt für den Glücklichen zurück. "Glücklich ist, wer sich selbst vergessen kann", meinte Jüngel.

Die enormen Anstrengungen von Menschen, ihren Körper den Idealen der Zeit entsprechend zu gestalteten, durchleuchtete die Tübinger Dozentin Regina Ammicht-Quinn. Der eigene Körper wird für Menschen zum Projekt, das es erst zu erarbeiten gilt. Eine alte Leibfeindlichkeit sieht sie da heimlich wieder heraufziehen. Mit ihrem tatsächlichen Körper, wie er ist, geben sich Menschen nicht zufrieden. Und auch Körperfunktionen treten immer mehr zurück, werden durch "Prothesen" ersetzt: Die Rechenleistung des Gehirns durch Computer, die Muskelkraft durch Maschinen und Fahrzeuge. Jung, schön und fit möchten Menschen sein, sie erleben sich aber nie jung, schön und fit genug. Damals wie heute kasteien und geißeln Menschen ihren Körper, um ihn akzeptabel zu halten. Den Körper als tatsächlichen Ort des Heils zu sehen, darauf käme es an.
"Gott hat auf das Fleisch gesetzt", brachte die Theologin eine Kernaussage der Theologie – die Menschwerdung Gottes – in Zusammenhang mit dem Verhältnis der Menschen zum Körper.

Dass dies nicht nur für den "gesunden" Körper gilt, wurde bei der Sommerakademie sehr deutlich. Wer ist schon gesund? Untersucht man einen Menschen nur oft genug, so findet man immer irgendwelche Krankheiten, ist sich der Kölner Facharzt für Psychiatrie Manfred Lütz überzeugt.
"Gesund ist ein Mensch, der einigermaßen seinen wesentlichen Lebensbeschäftigungen nachgehen kann", definiert er daher nüchtern. Er kritisierte eine "Gesundheitsreligion", in der für Kranke kein Platz mehr ist, weil Gesundheit zur Hauptsache geworden ist. Über explodierende Gesundheits-kosten könne da gar nicht mehr vernünftig diskutiert werden.

"Die Medizin verkauft sich viel besser als sie ist", gab der bekannte Transplantationschirurg Ferdinand Mühlbacher zu bedenken. Er verwies auf ethische Herausforderungen wenn es etwa um die Frage geht, ob ein Mensch eine Leber transplantiert bekommen soll oder nicht.
"Theologie ist wieder ein anerkannter Gesprächspartner für die Medizin geworden", stellt die evangelische Oberkirchenrätin Hannelore Reiner fest. Sie dürfe sich davor nicht drücken. Menschen suchten bei allen möglichen Heilsverkündern für teures Geld Hilfe – weil die Kirchen diese zu wenig klar vermitteln können. "Gelingendes Leben ist nicht an Glück und Gesundheit gebunden. Es hat auch mit dem Kreuz zu tun", betonte Reiner.

Gesundheit ist ein hohes, aber nicht das höchste Gut. Darin waren sich die Vertreter/-innen aller Richtungen einig. Moraltheologe Klaus Arntz plädierte für den "Mut zur bedingten Gesundheit" die man "nicht mit letzter Verbissenheit" erzwingen will.

Reifen statt zerbrechen


Bischof Maximilian Aichern verknüpfte die Thematik mit dem sozialen Leben: "Von der Krankenheilung der Apostel bis zur Option für die Armen in unserer Zeit" spannte er den Bogen. Verstärkt brauche es die Sicht der Patienten und Leidenden, wenn medizinisch oder politische über Gesundheit geredet werde. Dabei verwies er auf gänzlich "unerwarteten Sinnerfahrungen: Wir erleben immer wieder, dass jemand am Leid nicht zerbricht, sondern reift". Der armensich-apostolische Erzbischof Mesrob Krikorian fügte hinzu: Das Christentum sei vielleicht eine zu traurige Religion geworden – "dabei soll der Glaube vor allem Freude schenken".
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