„Ein gläubiges Leben ist ohne die Option für die Armen nicht möglich“, sagt Bischof DDr. Richard Weberberger. Der Benediktiner aus Kremsmünster leitet seit 25 Jahren die Diözese Barreiras im Nordosten Brasiliens (Bundesstaat Bahia).
Sie sind vor dreißig Jahren nach Barreiras gekommen. Können Sie die Stadt Barreiras von 1974 beschreiben?
Weberberger: Am besten wird die Stadt charakterisiert, wenn ich aufzähle, was es nicht gab: es gab keinen Telefonanschluss, kein Fernsehen und kein elektrisches Licht. Unsere Aufgabe als Priester bestand in der seelsorglichen Betreuung eines riesigen Gebiets, fast so groß wie Österreich. Das Wort seelsorglich muss man aber unter Anführungszeichen setzen, denn eine pastorale Arbeit im eigentlichen Sinn war nicht möglich. Wir besuchten die Dörfer zwei bis drei Mal im Jahr für Taufen und Trauungen.
Wann hat sich das geändert?
Weberberger: Als mehr Personal aus Österreich, Südtirol und Italien gekommen ist und Barreiras 1979 eine eigene Diözese wurde. Dann begann eine strukturierte Pastoral. Wir konnten allmählich Pfarren gründen und die bestehenden Gemeinden weiter ausbauen. Ungefähr zur selben Zeit ist es in Barreiras zu einer enormen Entwicklung gekommen: Die Stadt Barreiras hatte vor 30 Jahren 20.000 Einwohner, heute zählt sie 110.000 Menschen.
Steht die Kirche bei solch rasanten Entwicklungen nicht auf verlorenem Posten?
Weberberger: Ganz und gar nicht: vor allem weil der Glaube der Leute stärker ist, als wir uns das gedacht haben. Die Menschen, die nach Barreiras geströmt sind, haben auch in der Stadt die Kirche gesucht. Es ist ein kleines Wunder. Heute haben wir in der Stadt fünf Pfarren, eine sechste sollten wir gründen. Der zweite Grund, warum wir mit dem Wachstum mithalten konnten, ist die Hilfe aus Österreich.
Wenn Sie auf 25 Jahre Bischof in Barreiras zurückschauen ...
Weberberger: Dann freue ich mich, was alles gewachsen ist. Wir sind auf einem guten Weg, eine brasilianische Ortskirche aufzubauen. Von den 15 Priestern der Diözese sind zum Beispiel zehn Brasilianer, wir haben 12 ständige Diakone, natürlich Brasilianer. Aber nochmals: Die pastorale Infrastruktur wie Kirchen, Bildungshaus und Sozialprojekte zu schaffen, war nur durch die Hilfe aus Österreich möglich und dafür danke ich ganz herzlich.
Wie hat das Leben in Brasilien Ihre Spiritualität verändert?
Weberberger: Beeindruckend ist für mich der tiefe Glaube der Menschen in Brasilien: die unkomplizierte, direkte natürliche Beziehung zu Gott. Das erleben zu können, ist schön. Der Glaube gehört ganz selbstverständlich zum Alltag. Ich kann zum Beispiel mit den Burschen an der Tankstelle über Gott reden.Und natürlich sind die riesigen Unterschiede zwischen Arm und Reich, die man im Land täglich vor Augen hat, eine Herausforderung für den Glauben.
Was heißt das?
Weberberger: Ein gläubiges Leben ist ohne Option für die Armen nicht möglich. Wer nicht arm lebt, kann das Projekt Jesu nicht verstehen. Die brasilianischen Schwestern leben uns das beeindruckend vor. Und wir müssen als Kirche auch prophetisch leben. Wenn die Kirche nicht anders ist als die neoliberale Wirtschaftsordnung, braucht sie niemand. Wir müssen als Kirche den Mut haben zu sagen, was die Welt nicht sagt: dass nämlich nur Teilen glücklich macht.
Worin sehen Sie die Herausforderungen für die Zukunft?
Weberberger: Die bestehen in der Bildung. Die Änderungen in der Gesellschaft lassen nicht zu, dass wir stehen bleiben.
Was ist ihre Lieblingsbibelstelle?
„Die Freude am Herrn ist meine Stärke.“ Das haben mich die Menschen in Brasilien gelehrt.
Zur Sache
Lernen von Brasilien
Bischof Richard Weberberger zeigt im Gespräch mit der KIZ Bereiche auf, wo die Kirche Europas von den Erfahrungen in Brasilien lernen kann:
„Ich denke, die Kirche in Europa muss flexibler werden und bereit sein, die Kirchenstruktur zu ändern. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Die Kirche muss eine Kirche der Laien werden. Ich gebe ein Beispiel: In einem Stadtviertel von Barreiras haben wir gerade Volksmission. Der Pfarrer koordiniert die Aktivitäten, Priester aus der Nachbarschaft helfen mit, aber die eigentlichen Missionare sind die Leute selbst.
Den Einwand, dass dabei das kirchliche Amt zuwenig Berücksichtung findet, lässt er nicht gelten:
„Ganz und gar nicht wird das Amt an den Rand gedrängt. Wir brauchen Priester, in der Diözese Barreiras noch viel mehr als wir haben. Aber die Zukunft der Kirche ist eine Kirche der Laien, wo jeder und jede aufgerufen ist Zeugnis zu geben: der eine durch Hausbesuche, der andere durch soziale Aktivitäten und wieder andere durch das Rosenkranzgebet. Das verstehen die Leute in Brasilien gut: dass die Kirche Volk Gottes und jeder Missionar ist. Die Kirche muss die sozialen und kulturellen Wandlungen der Gesellschaft begleiten und das erfordert neue Antworten.”