Die Mentalität von Menschen erschließt sich erst, wenn man ihre Sprache versteht. Der Gedanke hat etwas Wahres an sich. Doch welchen Eindruck müssen Besucher/-innen der deutschsprachigen Lande derzeit von deren Mentalität haben? Vor sechs Jahren wurde die neue Rechtschreibung eingeführt, nächstes Jahr soll sie die „alte“ endgültig im offiziellen Schriftgebrauch ablösen. Doch dieses Datum wankt: Große deutsche Zeitungen wie „Bild“, „Frankfurter Allgemeine“ oder „Süddeutsche Zeitung“ haben jüngst oder schon länger auf die alte Rechtschreibung zurückgestellt – als Reform der Reform.
W elchen Eindruck erhält man also, wenn eine Reform zuerst als Kopfgeburt durchgedrückt wird und später aufgrund enormer Widerstände droht, zurückgenommen zu werden? Vor allem den Eindruck von Unsicherheit. Und die beschränkt sich nicht nur auf die Sprache. „Reform“ ist das (Un-)Wort unserer Zeit. Pensionsreform, Steuerreform, Gesundheitsreform . . . Der Druck der Probleme hat die Reformwut ausbrechen lassen. Grundsätzlich sind Reformen als Zeichen gesellschaftlichen Wandels ja gut, doch hat man immer mehr das Gefühl, Reformen wären kurzfristige Handlungen, die vor allem dazu dienen, sich nicht den Vorwurf der Untätigkeit zuzuziehen.
Ich kann mit der neuen und der alten Rechtschreibung leben: Die Alte war besser als ihr Ruf und die Neue ist nicht der Untergang des Abendlandes. Doch mehr Einigkeit und Durchhaltevermögen täten der deutschen Sprache gut. Und nicht nur ihr.