Priesterseminar in St. Pölten ist ab sofort geschlossen
Schmerzhaft für Küng: „Aktive homophile Beziehungen haben sich gebildet“
Ausgabe: 2004/34, St. Pölten, Priesterseminar,
17.08.2004
- Walter Achleitner
Päpstlicher Visitator Küng: Schwerwiegende Fehlentwicklungen machen völligen Neuanfang notwendig. Ex-Seminarist aus St. Pölten wegen Besitzes kinderpornografischer Bilder verurteilt.
Es war der 23. Tag seit seiner Ernennung zum päpstlichen Visitator, als am Donnerstag vergangener Woche Bischof Klaus Küng vor die kurzfristig eingeladene Presse trat: „Auf Grund der Vorfälle im Verlaufe des vergangenen Studienjahres ist für das Priesterseminar der Diözese St. Pölten ein völliger Neuanfang notwendig“, so Küng. Deshalb sei dieses mit sofortiger Wirkung geschlossen. Das Dekret, mit dem das seit 1784 bestehende Seminar geschlossen wird, wurde zuvor von Bischof Kurt Krenn unterschrieben – „im Einverständnis mit dem Heiligen Stuhl“, wie Küng sagte.
Fehlentwicklungen
Drei Gründe führt Bischof Küng an, die zu diesem ungewöhnlichen Schritt geführt haben. Zum einen wurde in St. Pölten in den letzten Jahren zu wenig auf die erforderlichen Auswahlkriterien für Priesterseminaristen geachtet. Zum anderen „hat es auch schwerwiegende Fehlentwicklungen gegeben: Dies wurde spätestens durch die pornographischen Bilder deutlich, die von einigen Seminaristen geradezu ,suchtartig‘ aus dem Internet geladen wurden“, so der Visitator.
Und schließlich meinte der Vorarlberger Bischof hörbar bewegt: „Sehr schmerzhaft war es für mich, festzustellen, dass sich aktive homophile Beziehungen gebildet haben.“ Grundsätzlich sprach sich Küng dafür aus, keine homophilen Kandidaten in ein Priesterseminar aufzunehmen. Sie seien für das Priesteramt nicht geeignet.
All das habe dazu geführt, dass „ein echter Neuanfang ermöglicht werden soll“. Wie dieser konkret ausehen wird, ließ Küng noch offen (dazu linke Spalte). Soviel jedoch ist klar: Die katholische Hochschule in der niederösterreichischen Landeshauptstadt bleibt auch im kommenden Jahr geöffnet. Nach der Rolle von Diözesanbischof Kurt Krenn bei den Vorfällen befragt, meinte der Visitator, dass Krenn wohl zu sehr auf die leitenden Personen im Seminar vertraut habe und vieles einfach nicht wahrhaben wollte. Küng: „Hinterher ist es aber immer leichter, die Dinge richtig zu bewerten.“
Ob und inwieweit auch die beiden ehemaligen Seminarleiter, Regens Ulrich Küchl und Subregens Wolfgang Rothe, in homosexuelle Praktiken involviert waren, sei noch nicht voll geklärt. Er – Küng – trete aber auf alle Fälle für eine vollständige Klärung aller Vorwürfe und Vorkommnisse ein.
Mit Wolfgang Rothe, er war bislang auch Sekretär von Bischof Krenn, sei, so Küng, vereinbart worden, dass er bis zum Beweis seiner Unschuld alle seine diözesanen Tätigkeiten ruhen lasse. Das Dekret zur Schließung ist bereits das zweite Schreiben seit Beginn der Visitation am 21. Juli, das in der Causa Priesterseminar von Bischof Krenn unterschrieben wurde. Am 3. August hatte er schon mit seiner Unterschrift bestätigt, dass aus Finanzmitteln der Diözese keinerlei Kostenübernahme für zivilrechtliche Klagen von Prälat Küchl und Dr. Rothe erfolgen werden.
Seminarist schuldig
Nur 24 Stunden nach Bekanntgabe der Schließung des Priesterseminars stand ein Ex-Seminarist wegen des Besitzes von Kinderpornografie vor dem Landesgericht St. Pölten. Piotr Z. gab vor Richterin Andrea Frischman an, er habe die Fotos bereits vor seinem Einzug in das Priesterseminar im September 2003 von seinem Computer gelöscht. Mittels spezieller Computerprogramme stellten Kriminalbeamte aber fest, dass der Beschuldigte erst am 26. Juni, zwei Tage nach der Hausdurchsuchung im Seminar, die Festplatte neu formatiert hatte. Der 27-jährige Pole wurde zu einer bedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten bei drei Jahren Bewährung verurteilt.
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Wie kann es weitergehen?
„Wir brauchen Priesterpersönlichkeiten, die belastbar und gesund sind. In der heutigen Gesellschaft sind die Anforderungen sehr hoch“, sagte Klaus Küng. Nach der Schließung des Priesterseminars ist noch vieles unklar, wie es mit der Ausbildung „ausgeglichener, aufrichtiger und tugendhafter“ Priester in St. Pölten weitergehen wird. Ja, selbst die Frage, wie lange das traditionsreiche Haus geschlossen bleiben wird, ist für Bischof Küng noch nicht absehbar.
So viel scheint jedoch schon sicher: Alle bisherigen Priesteramtskandidaten werden sich einem Aufnahmeverfahren unterziehen. Im Zusammenhang damit unterstreicht Bischof Küng, dass sich im Seminar „mehrere mit redlicher Absicht, mit Engagement und guten Voraussetzungen auf dem Weg zum Priestertum befinden“.
Zugleich räumt er aber auch ein, dass einige sicher nicht für das Priestertum geeignet scheinen. Diesen werde man helfen, sich beruflich neu zu orientieren. Wenn gewünscht, werde man ihnen Beistand anbieten. Jene Seminaristen, die die nötigen Voraussetzungen mitbringen, werden weiter als Priesteramtskandidaten der Diözese St. Pölten studieren. Noch offen ist, ob sie im kommenden Studienjahr in einzelnen Pfarren mitleben werden, um von dort die katholische Hochschule in St. Pölten zu besuchen. Oder ob sie sich, wie in einem Externjahr, vorübergehend in das Priesterseminar einer anderen Diözese eingliedern werden.
Viele der Professoren und geistlichen Begleiter würden ihr Bestes geben und über die notwendigen menschlichen, spirituellen und theologischen Fähigkeiten verfügen.