Den Alltag ihrer Kinder erleben viele Väter eher aus der Ferne. Diesen Vorwurf wollen Männer in St. Florian in Oberösterreich nicht auf sich sitzen lassen. Dass in den Kindergärten Vatertag gefeiert wird, ist heutzutage selbstverständlich. In den meisten Kinderbetreuungseinrichtungen ist es üblich, die Mütter und Väter anlässlich ihres Ehrentages einzuladen und Kaffee und Kuchen zu selbstgebastelten Geschenken und gelernten Gedichten und Liedern zu servieren.
Beide Elternteile. Ein Vaterfrühstück hat es auch im Caritas-Kindergarten in St. Florian gegeben. Doch ein Vater wollte sich damit nicht begnügen. „Meine Tochter ist jetzt das letzte Jahr im Kindergarten“, erzählt Hannes Hofer. „Ich wollte auch den Alltag erleben.“ Er beschäftigt sich schon länger mit der Beziehung von Vätern und Kindern. Hofer ist bei der Katholischen Männerbewegung aktiv und organisiert auf diözesaner Ebene Vater-Kind-Wochenenden, die sehr gut angenommen werden. Er hat mit der Kindergartenleiterin Stefanie Hacker gesprochen, und sie fand die Idee auch gut. „Für uns Kindergartenpädagoginnen ist die Erziehungspartnerschaft mit beiden Elternteilen äußerst wichtig“, sagt sie. „Der Alltag zeigt jedoch, dass Zusammenarbeit und Kommunikation zu einem sehr hohen Anteil mit den Müttern unserer Kindergartenkinder erfolgt.“
Vatertag im Kindergarten. Statt des Vatertagsfrühstücks gab es in diesem Kindergartenjahr also die Aktion „Vatertag im Kindergarten“ – ein Väterbesuchsvormittag. DieVäter wurden eingeladen, einen Vormittag im Kindergarten zu verbringen. Damit die Aktion nicht eine einmalige Ausnahme darstellen würde, haben die Kindergartenpädagoginnen die Väter eingeteilt: zwei bis drei pro Gruppe an einem Vormittag, mehr durften nicht kommen. Zwei Monate lang hatten sie Zeit dafür.
Normales Programm. Die Kindergartenpädagoginnen haben für Besuchstage bewusst kein „Sonderprogramm“ vorbereitet. DieVäter sollten einen ganz normalen Tag im Kindergarten erleben.
Unvergessliche Bereicherung. Die Aktion war für alle Beteiligten eine Bereicherung. „Das soziale Verhalten der Kinder kann man so ganz anders erleben als im Familien- oder Geschwisterverband“, erzählt InitiatorHannes Hofer. Er hat vom Morgenkreis bis zu Sprechübungen für Schulanfänger/innen im Bewegungsraum das Tagesprogramm mit den Kindern mitgemacht, seine Tochter hat ihm ihre Lieblingsplätze gezeigt und was sie im Kindergarten gerne spielt. Er ist beeindruckt davon, wie selbstverständlich ältere und jüngere Kinder und Kinder mit und ohne Behinderung miteinander spielen. „Was ich an diesem Tag in der Arbeit gemacht hätte, wüsste ich in fünf Jahren nicht mehr,“ ist sich Hofer sicher, „aber diesen einen Tag im Kindergarten werde ich nicht vergessen.“
Eigendynamik. Die Kinder waren mindestens so begeistert. Manche Väter, die sicheigentlich nicht an der Aktion beteiligen wollten, weil sie ihre Urlaubstage lieber anders mit den Kindern verbringen wollten, haben dann doch mitgemacht. Denn die Kinder haben zu Hause nachgebohrt – unter dem Motto: „Der und der Papa war schon da – geh doch du auch in den Kindergarten!“ Einige Männer sind auch zweimal in den Kindergarten gekommen.
Beim Kind sein. Ein paar Väter haben ein Stück von ihrem Arbeitsalltag mit in denKindergarten genommen. Ein Arzt hat sein Stethoskop und Blutdruckmessgerät mit-genommen und mit den Kindern ausprobiert, ein anderer Vater hat mit einem selbstgebastelten Modell den Kindern erklärt, wie das mit dem elektrischen Strom funktioniert. Die Kindergartenpädagoginnen waren beeindruckt, wie leicht es den Vätern gefallen ist, „sich auf die Ebene der Kinder zu stellen, sich Zeit zu nehmen und einfach beim Kind zu sein.“