Ausgabe: 2008/24, Paraguay, Präsident, Fernando Logos, Chance, Machtwechsel, Macht, Hoffnung
11.06.2008
- Interview: Susanne Eller
Seit 20. April ist der suspendierte „Armenbischof“ und Befreiungstheologe Fernando Lugo neuer Präsident Paraguays. Was der Machtwechsel für die Menschen in dem südamerikanischen Land bedeutet, darüber sprach der Jesuit Bartomeu Meliá aus Paraguay.
Welche Bedeutung hat der Wahlsieg Lugos für Paraguay?
P. Meliá: Die Wahl von Fernando Lugo bedeutet vor allem den Bruch mit der Colorado-Partei, die seit mehr als 60 Jahren die Politik im Land bestimmt hat, darunter 30 Jahre lang unter der Diktatur des Generals Alfredo Stroessner. Die andere große Neuigkeit ist der Umstand, dass ja nicht eine Partei gewonnen hat, sondern eine Parteikoalition, bei der zwar die traditionelle Liberale Partei die bedeutendste ist, aber nicht die ausschlaggebende. Es war also kein Triumph der Liberalen, sondern der Sieg einer sozialen Bewegung, in deren Mittelpunkt die Sozialdoktrin der katholischen Kirche steht. Das war auch das Thema der Master-Diplomarbeit von Lugo, als er an der Gregoriana in Rom studierte.
Kam der Machtwechsel überraschend?
P. Meliá: Vor allem bei den „Colorados“ war die Überraschung sehr groß, denn sie hatten nicht damit gerechnet, Wahlen überhaupt verlieren zu können. Eigentlich sind sie ja nicht besiegt worden, sondern haben sich selbst zerstört – mit maßlos korrupten Methoden der Machtausübung und mit einem Präsidenten, der nicht nur nach der Macht, sondern auch nach dem Geld gierte. Ihm droht nun eine Zukunft vor Gericht, als Angeklagter wegen unrechtmäßiger Bereicherung während seiner Präsidentschaft.
Was sind die größten Probleme der Bevölkerung Paraguays?
P. Meliá: Die Bauern hatten die größte Last einer korrupten und an der Bevölkerung desinteressierten Regierung getragen. Laufend wurden große Flächen des bebaubaren Landes, das oft von Bauern bewirtschaftet wurde, vom Staat an ausländische, meist brasilianische Großgrundbesitzer verkauft. Dies führte in den letzten 15 Jahren zu einer verstärkten Landflucht und zur Konzentration von landlosen Bauern in städtischen Randzonen, so dass heute ein Viertel der Paraguayer in extremer Armut lebt. Wenn man dabei bedenkt, wie viele Einnahmen der Staat aus den beiden binationalen Kraftwerken am Paraná-Fluss erzielt – in Itaipú mit Brasilien und in Yacyreta mit Argentinien –, dann ist die zunehmende Verarmung der Bevölkerung unbegreifbar. Was die indigenen Völker in Paraguay betrifft, welche in der Verfassung von 1992 bedeutende Rechte zuerkannt bekamen, so werden sie de facto diskriminiert und ausgegrenzt und erleiden zunehmend den Verlust ihres Landes, ihrer Kultur und ihrer Sprache.
Was erwarten sich die Menschen vom neuen Präsidenten?
P. Meliá: Die systematische und rasch fortschreitende Verarmung der Landbevölkerung in Paraguay hat ja auch dazu geführt, dass sie weniger Zugang zu Bildung hat und damit wieder geringere Möglichkeiten, Arbeit im städtischen Umfeld zu finden. Die bisherige Blockierung von Bildung und Berufsausbildung, die schlechte Gesundheit und die zunehmende Armut wird nun den Ruf laut werden lassen, der „neue“ Staat solle als „Padrino“ und Beschützer der Armen auftreten. So würden aber nur die Mittel umverteilt werden, ohne mehr zu produzieren. Deshalb meine ich, dass auch das ausländische Kapital eine positive Auswirkung für eine Neuorientierung der Wirtschaft Paraguays haben könnte, um etwa Korruption zu bekämpfen.
Gilt Fernando Lugo als Hoffnungsträger für das Land?
P. Meliá: Ja, er ist ein Hoffnungsträger besonders für diejenigen Paraguayer, die im bisherigen Regime keinen Ausweg mehr für ein halbwegs würdiges Überleben gesehen haben. Dabei geht es nicht nur um Arbeit und ums Essen. Bei der zunehmenden Emigration von Paraguayern ist das Hauptmotiv nicht das wirtschaftliche, sondern es sind die fehlenden Perspektiven für ein selbstgestaltetes familiäres Leben, also für menschenwürdige Verhältnisse in der eigenen Heimat.
Zur Person
Der Jesuit Dr. Bartomeu Meliá ist Linguist und Spezialist für indigene Völker. Seit 1954 lebt der gebürtige Spanier in Paraguay, wo er die Sprache und Kultur der Guaraní, einem indigenen Volk, studierte. Zu seiner wichtigsten Ausbildung zählt er die Erfahrung, die er im Zusammenleben mit den Guaraní machte. Neben seiner wissenschaftlichen und literarischen Tätigkeit hat Meliá u. a. Texte des 17./18. Jh.s neu herausgegeben. Diese Arbeit sei wichtig für die Wiederbelebung und Stärkung der Guaraní-Sprache und damit auch für das paraguayische Volk, so der Projektpartner der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar.