Aus der Praxis: Irene ist 34 Jahre alt und wohnt in einer netten kleinen Wohnung. Ihre Arbeit als Sekretärin macht ihr Freude. Leider zerbrach ihre langjährige Beziehung vor einigen Monaten. Sie hat unter der Trennung sehr gelitten, da ihr Freund sie sehr unfair behandelte, bevor er auszog. Er ist ihr auch noch einen größeren Geldbetrag schuldig, den sie dringend benötigen würde, um einen laufenden Kredit abzuzahlen.„Ich habe viel zu spät gemerkt, dass es mein Exfreund viel zu sehr auf mein Geld abgesehen hatte. Seine Zärtlichkeit und seine „Verliebtheit“ haben mich blind sein lassen. Ich dachte, ihm aus seinen finanziellen Nöten heraushelfen zu müssen. Aus dieser schlimmen Geschichte habe ich – im Nachhinein gesehen – viel gelernt.Was mich aber belastet, ist die nun zu große Fürsorge meiner Mutter. Sie gab mir immer schon das Gefühl, mein Leben nicht alleine bewältigen zu können. Ich habe manchmal das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ich bin richtig wütend auf sie. Ich weiß, dass sie es gut meint, und ich bin ihr für all ihre Hilfe auch dankbar, möchte mich aber von ihr mehr zurückziehen. Nun ist sie gekränkt und sagt, ich sei undankbar. Stimmt das?“
Alle Eltern wollen ihre Kinder vor schlimmen Erfahrungen schützen. Es ist nicht leicht, die Balance zwischen Schutz und Selbstständigkeit zu finden.
Ich kann mir vorstellen, dass Irenes Mutter nun noch mehr Sorgen um ihre Tochter hat als früher und sie sie vor jedem Unglück bewahren möchte. Das ist verständlich, engt Irene aber sehr ein. Mehr noch: Irenes Schilderungen zeigen, dass sie durch die übergroße Sorge der Mutter sogar unsicherer und unfreier in ihren Lebensentscheidungen wurde.
Gesunde Reaktion. Irenes Gefühl, sich von der Mutter zurückziehen zu wollen, ist eine sehr „gesunde“ Reaktion. Sie zeigt damit, dass sie Verantwortung für sich selbst übernehmen will und erwachsen ist.
Eigene Erfahrungen. Kinder brauchen, um lebensfähig zu werden, die Freiheit, eigeneErfahrungen machen zu dürfen, auch um den Preis, dass sie sich gehörig den Kopf anschlagen. Dies gilt für kleine und für „große Kinder“ wie Irene. Sie lernen nicht in erster Linie aus gut gemeinten „Ratschlägen“ der Eltern, sondern aus selbst gemachten Erfahrungen. Außerdem lassen uns nicht die „guten“ Erlebnisse reifen, sondern die, die uns etwas abverlangen. Irene merkt selbst, wie viel sie durch ihren Exfreund über Geldangelegenheiten gelernt hat und sie wird diesbezüglich Menschen nicht mehr einfach blind vertrauen.
Kontrolle statt Schutz. Irene ist 34 Jahre alt – es ist hoch an der Zeit, sich freizustrampeln, denn die Kehrseite einer beschützenden Mutter ist die kontrollierende, die glaubt,alles besser zu wissen, was für das Kind gut ist. Sie lebt eigentlich das Leben ihrer Tochter.
Eigenes Leben leben. Ich wünsche Irene, dass sie die Kraft hat, sich schrittweise ihren eigenen Lebensvorstellungen zu nähern und ihrer Mutter als erwachsene, selbstbewusste Tochter zu begegnen. Das wird auch ihrer Mutter helfen, Irene ihr eigenes Leben zuzutrauen und ich hoffe, dass auch sie sich gestattet, sich mehr ihrem Leben, ihren Sehnsüchten und Wünschen zuzuwenden.