Zum Welttag der Flüchtlinge (20. Juni): Mit gutem Willen ist vieles möglich
Ausgabe: 2008/25, Panorama, Kickerl, Welttag der Flüchtlinge, Sport, Martin Strecha, Neudörfl, Caritas, Sportplatz
18.06.2008
- Hans Baumgartner
Der Sport schafft Brücken zwischen den Menschen. Was man in den Fanmeilen der Fußball-EM auch nach spannungsgeladenen Spielen immer wieder erleben konnte, ist im burgenländischen Neudörfl „Alltag“.
Vor kurzem hat Staatssekretär Reinhold Lopatka die erstmals ausgeschriebenen Sport-Integrationspreise vergeben. Sieger wurde das vom Caritas-Flüchtlings- und Integrationshaus in Neudörfl (Burgenland) verwirklichte Projekt eines für alle offenen Sportplatzes.
Komm zum Spielen. „Vor drei Jahren hatten wir die Idee, die ,Gstätten‘ vor unserem Haus, auf der die Kinder und Jugendlichen öfter gekickt haben, zu einem Sportplatz auszubauen“, erzählt Martin Strecha vom Betreuerteam des Flüchtlingshauses. Hinter dem Vorhaben steckten zwei handfeste Gründe: „Wir wollten für die Kinder und Jugendlichen aus unserem Haus die Möglichkeit schaffen, dass sie auch einmal Freundinnen und Freunde aus der Schule oder aus dem Ort zu sich nach Hause einladen können. Wenn du mit deiner Familie in einem Zwölf-Quadratmeter-Zimmer wohnst, ist es schwierig zu sagen, komm zu mir zum Spielen. Ein Sportplatz könnte da die Schwelle für Begegnungen sehr viel tiefer legen, war unsere Hoffnung“, meint Strecha.
Statt Daumendrehen. Als zweiten Grund für den Bau des Sportplatzes nennt der Caritas-Mitarbeiter die für alle belastende Situation, dass Asylwerber nicht arbeiten dürfen. „Das zwingt uns immer wieder, irgendwelche Dinge zu erfinden. Denn abgesehen vom Finanziellen ist das auch ein großes psychisches Problem. Viele unserer Flüchtlinge waren in ihren ehemaligen Heimatländern keine armen Hascherl, sondern gehörten dort zum Mittelstand und waren gewohnt für sich zu sorgen. Sie verstehen nicht, warum sie zu ihrem Auskommen nicht selber beitragen dürfen, sondern auf Almosen angewiesen sind. Das geht vielleicht ein oder zwei Jahre gut. Aber unsere Leute warten im Schnitt fünf bis sieben Jahre auf die Erledigung ihrer Asylanträge. Wenn sie in dieser Zeit nur Daumen drehen können, das halten viele nicht aus. Der Bau und die Pflege eines Sportplatzes war für uns eine gute Möglichkeit, für die Leute Beschäftigung und damit auch einen strukturierten Tagesablauf zu schaffen“, meint Strecha. „Weil wir uns das Geld und das Material kleinweise ,zusammenschnorren‘ mussten, dauerte es fast zwei Jahre, bis im Herbst 2007, bis das Fußballfeld, der Streetballplatz und die Bocciabahn eröffnet werden konnten. Dafür aber war es wirklich ein Gemeinschaftswerk unserer Asylwerber und der Leute aus dem Ort, die uns immer wieder ganz toll unterstützt haben“, freut sich Strecha.
Ein Danke. Seit der Eröffnung erfreut sich die Sportanlage wachsender Beliebtheit. Vor allem an Wochenenden herrscht reger Betrieb. „Das Schöne dabei ist“, so Strecha, „die Leute aus dem Flüchtlingshaus bleiben dabei nicht unter sich, es kommen auch viele aus dem Ort zu einem ,Kickerl‘ vorbei. Neben der privaten, spontanen Ebene gibt uns der Sportplatz auch gute Möglichkeiten, Volks- und Hauptschulklassen oder Firmgruppen zum Kennenlernen des Hauses und der Bewohner einzuladen und so das gegenseitige Verständnis zu fördern“, sagt Strecha. Er sieht die Sportanlage auch als ein „kleines Dankeschön“ an die Bevölkerung und die Gemeindepolitik von Neudörfl. „Wir haben hier als Flüchtlingshaus (seit 1989) wirklich einen guten Stand.“ Als Beispiel nennt er, dass alle Flüchtlingskinder von der Gemeinde einen Kindergartenplatz gratis bekommen. Das fördere die Begegnung, auch unter den Erwachsenen, und die Kinder können schon recht gut Deutsch, wenn sie in die Schule kommen. „Davon haben alle etwas. Und es zeigt, Integration ist möglich, wenn der Wille dazu da ist, auf beiden Seiten“, betont Strecha.