Länder, in denen die Vereinbarkeit vonFamilie und Beruf aufgrund mangelnder Kinderbetreuung, aber auch eines konservativen Familienbildes besonders schwierig ist, beklagen eine sinkende Geburtenrate. Europäische Regierungen gehen unterschiedlich damit um. Das bisherige Tabu, dass Familienpolitik auch einen Aspekt der Bevölkerungspolitik habe, wurde beim 3. Internationalen Kongress für Familienforschung von 12. bis 14. Juni in Wien gebrochen.
Familienpolitik hat in den letzten Jahren beinahe ausschließlich auf Geldleistungen gesetzt. Das hat sich aber als ungeeignetes Mittel herausgestellt, ein Sinken der Geburtenrate zu verhindern. Das sagte der Soziologe Norbert Schneider bei einer Podiumsdiskussion, an der auch die beiden Familienministerinnen Ursula van der Leyen aus Deutschland und Andrea Kdolsky aus Österreich teilnahmen.
Risiko für junge Frauen. Die Familienpolitik wird an vielen Schrauben drehen müssen, damit die Balance zwischen Arbeit und Familie nicht weiterhin ein unberechenbares Risiko vor allem für junge Frauen bleibt. Sie darf die Familie nicht isoliert sehen, sondern muss viel stärker als bisher das Alltagsleben unter den Bedingungen der Globalisierung und den steigenden Anforderungen der Mobilität in den Blick nehmen. Ausfall in der Arbeitswelt. Eine Grundvoraussetzung dafür ist, sich von einem ideologisch geprägten Bild der Familie zu verabschieden und die vielfältige Realität heutiger Familien zur Kenntnis zu nehmen. Bernhard Felderer, der Direktor des Instituts für Höhere Studien, meinte: „Nach 30 Jahren Berufstätigkeit der Frauen wissen wir immer noch nicht, was wir tun sollen.“ Felderer lenkte den Blick naturgemäß auf den Ausfall gut ausgebildeter Frauen in der Arbeitswelt und die damit verbundenen Nachteile für die Wirtschaft.
Beruf oder Kind. Auch Ursula van der Leyen, die deutsche Familienministerin, sieht in der Bildung der Frauen die Wahlfreiheit begründet. Allerdings nicht die Wahlfreiheit, einen Beruf auszuüben oder zu Hause bei den Kindern zu bleiben, wie das konservative Familienleitbild es noch immer will, sondern die Wahlfreiheit zwischen Beruf und Kindern überhaupt. Diese Entscheidung wird zunehmend zugunsten der Arbeit gefällt oder hat zur Folge, dass in allen europäischen Ländern der Kinderwunsch immer länger aufgeschoben oder ganz aufgegeben wird.
Vereinbarkeit im Kopf. Die Frauenerwerbsquote nimmt also eine Schlüsselrolle in der Diskussion über die niedrige Geburtenrate ein. Allerdings zeigt sich, dass mit der Verbesserung der Betreuungsinfrastruktur die Erwerbstätigkeit von Frauen nicht automatisch steigt. Vielmehr scheint es im europäischen Vergleich so zu sein, dass berufstätige Frauen weniger Gründe haben, auf Kinder zu verzichten, wenn die Betreuungsstruktur vorhanden ist, die Väter Betreuungsleistungen übernehmen und vor allem, wenn eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den Köpfen gewährleistet ist. Eine hohe Frauenerwerbsquote gekoppelt mit diesen Fakten wirkt sich positiv auf die Reproduktionsrate aus. Das zeigen Vergleiche zwischen europäischen Ländern.
Väter beim Kind. Von kleinen Erfolgen im Punkt der Väterbeteiligung berichtet Ursula van der Leyen aus Deutschland, wo im ersten Quartal 2008 die Beteiligung der Väter am Bezug des einkommensabhängigen Kindergeldes von 3,5 auf 18 Prozent gestiegen ist.
Nicht vor drei Jahren. Österreichs Mütter allerdings tun sich mit einer zeitweiligen Fremdbetreuung ihrer Kinder weiterhin schwerer als andere europäische Mütter. 75 Prozent erklärten in einer 2007 erstellten Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung, dass sie ihr Kind nicht vor dem Alter von drei Jahren einer Betreuungsinstitution überlassen wollen. Damit erfüllen sie sehr klar die nationalen gesellschaftlichen Erwartungen. Denn in der gleichen Studie beurteilt die Hälfte der Österreicher/innen die Erwerbstätigkeit der Mütter mit Kleinkindern negativ. Was das für die Geburtenrate, die individuelle Zufriedenheit österreichischer Frauen und die österreichische Familienpolitik bedeutet, wird sich zeigen.